Im Blickpunkt: Ergo Proxy

Unsere Stadt, Romdeau, ist zweifellos das letzte Paradies, das man noch finden kann. Ein weiterer Tag ist angebrochen. Einen besseren Ort als unter dieser Kuppel, die uns schützend umgibt, könnte es auf diesem zerstörten Planeten gar nicht geben. Was für ein langweiliges Paradies.


Die Welt, wie wir sie kannten, ist tot. Kein Sonnenlicht, die triste Weite so endlos leer. Doch in der Kuppelstadt Romdeau herrscht reges Treiben. Menschen, Überlebende, leben hier unter einer Kuppel in ihrem eigenen System; Seite an Seite mit Autoreives; Maschinen, die ihren Herren dienen. Es soll eine Zufluchtsstätte sein, doch ein ungeheures Wesen wütet in der Stadt. Außerdem morden und flüchten immer mehr Autoreives aus Romdeau, obwohl sie darauf nicht programmiert sind. Was geschieht hier nur? Die Inspektorin der inneren Sicherheit Re-l Mayer ermittelt, doch erhält sie immer mehr Fragen als Antworten. Und wer ist dieser Immigrant Vincent Law?

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© Nipponart

Puh. Wer den Anime Ergo Proxy in einem Satz und ohne Gebrauch von Kommata beschreiben kann, der hat sich ein Fleißkärtchen verdient. Nachdem ich beim durchforsten diverser Serienopenings immer wieder auf dieses Werk gestoßen bin, musste ein Blick riskiert werden. Und ich fürchte nach einem Durchlauf der 23 Folgen lässt sich vieles noch gar nicht richtig (be)greifen. Denn Ergo Proxy ist ein wildes Potpourri aus Dystopie, künstlicher Intelligenz und der existenziellen Frage nach dem Sein.

Ich denke, also bin ich.

Es werden viele, sehr viele philosophisch, ethische Fragen aufgeworfen und behandelt oder für lange Zeit im Raum stehen gelassen, ehe sich eine Antwort darauf finden lässt. So begeben wir uns mit Vincent Law, Re-L Mayer und Pino, einem vom Cogito-Virus befallenen kindlichen Autoreive auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. Mit einem Segelschiff durch eine vergiftete Atmosphäre und die endlose Weite, verhangen von dichtem Nebel, irren wir genauso wie das ungleiche Gespann umher, sammeln Informationsfetzen auf und versuchen diese sinnvoll zusammenzufügen. Dass dieses Unterfangen alles andere als einfach ist, das wird außer Frage stehen. Und doch hatte ich arge Probleme mit der Serie.

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© Nipponart

Ergo Proxy verlangt seinem Zuschauer vieles ab. So werden in den ersten drei, vier Folgen die Dinge wie das unwirkliche Setting als gegeben betrachtet, mit Antworten wird hier enorm gegeizt. Dabei überschlagen sich die Ereignisse schon früh und zumindest ich kam bei dem ganzen Treiben kaum noch hinterher. Auch wenn dieser Anime nach und nach Antworten auf einige der vielen Fragen einstreut, so dauert dies nicht nur eine ganze Weile, sondern wird auch alles andere als geradlinig in die Handlung eingebunden. Und mit diesem Gedanken tat ich mich sehr schwer. So hatte ich recht früh die Lust auf das weitere Geschehen reduziert, und doch war ich paradoxerweise aus genau diesem Grund wie gebannt von der Erzählstruktur, die schon allein eine Allegorie auf das Hauptsujet darstellt. Der Weg zur Erkenntnis ist kein offensichtlicher, keiner, der sich einfach beschreiten lässt ohne sich dabei mit Unmengen an anderen Fragen auseinander setzen zu müssen. Fragen, denen man sich nur stellen muss, wenn man die Wahrheit kennt und es keinen Weg zurück mehr gibt. Wie dies der Fall für Vincent und Re-L ist, als sie erkennen was tatsächlich in Romdeau vor sich geht und wie sich die Geschicke dort lenken. Dass sie dort draußen, hinter der Kuppel, mehr finden sollen, als sie es anfangs für möglich hielten.

Die Erzählstruktur ist sperrig und nicht leicht zu verdauen. Doch wer sich dem Kampf stellt, wird mit grandiosen Momenten belohnt- ob charakterlich oder der Handlung wegen, das ist irrelevant. Meine Lieblingsfolge, die ich glatt nochmal gucken musste, Bored doing nothing (EP 16) ist dabei so auf den Kern reduziert und hat doch so viel zu erzählen, wenn die muntere Truppe mitten im Nirgendwo strandet und die Vorräte langsam aber sicher zur Neige gehen. Es passiert im wahrsten Sinne des Wortes nichts, und doch erfährt man in diesen stillen Augenblicken weit mehr, als sich mit Worten erklären ließe. Dem gegenüber stellen sich wiederum zwei Folgen, die vollkommen fern ab vom Schuss zu stehen scheinen. Who wants to be in Jeopardy (EP 15) und Eternal Smile (EP19) extrahieren sich selbst von der eigentlichen Handlung, wirken regelrecht befremdlich in ihrem andersartigen Erscheinen und ließen mich oft genug an der Serie und Chief Writer Dai Satō zweifeln. Und doch, selbst wenn man es sich nicht eingestehen möchte, sind sie wichtig, geben versteckte Auskunft und schlagen immer wieder Brücken zum Hauptgeschehen. Interessant zu sehen, wie sich die eigene Rezeption nach Betrachten des Gesamtwerks verändert…

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© Nipponart

Nun gut, kommen wir zum Handwerklichen: Der Animationsstil sagte mir kaum zu. Die Figuren wirken platt und eindimensional. Wo das in der unwirtlichen Umgebung passt – matte braune, blaue und graue Farbtöne dominieren und wirken durch das blass verwaschene unwirklich, eintönig, bedrohlich und schier dystopisch – so leblos wirken die Figuren, bei denen mir die Details fehlten. Ironischerweise finde ich die kleine Pino am gelungensten. Ihre Lebhaftigkeit im Verhalten und auch in ihrer Animation drängt die Menschen in den Hintergrund. Für einen Anime aus dem Jahre 2006 finde ich das leider ungenügend, da mir allein durch die Zeichnungen sehr wenig Zugang geboten wurde. Die deutsche Synchronisation pendelt sich irgendwo im Mittelfeld ein und kann nur teilweise überzeugen. Gut, bei Re-L’s Figur mag es ihrem Charakter geschuldet sein, dennoch: Da wäre mehr drin gewesen, zumal mir die Synchronstimmen gegen Ende hin etwas durcheinander schienen. Wenigstens konnte man sich an Vincents (Philipp Brammer) toll gesprochene Stimme klammern. Über das kraftvolle Opening sowie den Soundtrack von Yoshihiro Ike hingegen muss ich nicht viele Worte verlieren. Waren diese einsilbig wirkenden Klänge, die sich an bestimmten Stellen mit choralen Gesängen im Wechselspiel befanden wie gemacht für die dystopische Welt von Ergo Proxy, und war es mir stellenweise zu eintönig, so verflüchtigte sich jeder Zweifel daran mit dem letzten Einsetzen des Soundtracks, welcher das Ende einläutete. Ein pulsierender, erwachender Drumbeat, ruhig und beständig, dazu langsam ausklingende verzerrte Gitarren und Synthesizer. Dieses Stück, Centzontotochtin, ertönt stellvertretend für all das, was in dieser Serie geschah. Zudem ist es etwas Endgültiges. Und das geht durch und durch.

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© Nipponart

 Ich denke, also bist du.

Ergo Proxy ist sicherlich nicht für jeden gemacht. Dieser Anime aus Dai Satōs Feder ist herausfordernd und gibt sich grundlegend der Philosophie hin, beschäftigt sich mit allem und nichts und lädt dabei herzlichst zur Selbstreflexion ein. Ein Anime, der seinen eigenen Willen folgt und keinen Hehl daraus macht, Realität und Vision undurchsichtig verschwimmen zu lassen. Gerade das macht ihn so widerwillig fesselnd. Wo ich also am Anfang noch vor Zweifeln stand, ob ich dieser Serie einen Rewatch gönne, so mündet dieser Gedanke nach den letzten Folgen in einem eindeutigen “Ja”. Dieser Herausforderung stelle ich mich gerne noch einmal. Aber zunächst muss dieser Durchgang verdaut werden.

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