Die Animewelt des Yoshitoshi ABe

Die Animewelt des Yoshitoshi ABe

Present day. Present time. Von Serial Experiments Lain bis Texhnolyze: Die Animeserien von Yoshitoshi ABe sind faszinierend, andersartig und stilistisch unverkennbar. Grund genug also, um einen Blick auf sein gesamtes Schaffen zu werfen.

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Ein junger Japaner hat gerade die Oberschule abgeschlossen, aber seine Qualifikationen reichen nicht aus, um die Universität seiner Wahl zu besuchen. Ein Platz an der renommierten Tōkyō Geijutsu Daigaku, der Hochschule der Künste Tokyo, bleibt ihm vorerst verwehrt und demotiviert den jungen Mann derart, dass er anschließend ziellos in den Tag hinein lebt. Zu diesem Zeitpunkt hat er keine Ahnung, dass er einmal eine tragende Rolle bei der Entstehung von mehreren weltweit vermarkteten Animeserien spielen würde.

Der Name des Japaners mit dem großen Interesse an den bildenden Künsten lautet Yoshitoshi ABe, seines Zeichens Illustrator und Mangazeichner. Doch bevor er sich in dieser Szene etablierte und seinen Namen fortan in Rōmaji mit großem ‚B‘ schreiben würde, verschwendete er eigentlich keinen Gedanken daran, dass seine berufliche Zukunft so aussehen könnte.

Als Oberschulabsolvent ABe – ohne Studienplatz und mit ungewisser Zukunft – von einem Freund schließlich dazu gedrängt wird, ihm beim Zeichnen von Manga zu assistieren, steckt er plötzlich doch mittendrin. Die Sache ist nur die: Als Kind war ihm von seinen konservativen Eltern verboten worden, Manga zu lesen. Und nun soll er diese Comics zeichnen, deren stilistische Eigenheiten, unausgesprochene Regeln, Strukturen, Motive und Traditionen er überhaupt nicht kennt. Ein Dilemma? Glücklicherweise zwang ihn genau diese Unkenntnis der Materie dazu, seinen ganz eigenen Stil zu entwickeln, der seinen später in der Animewelt wiederkehrenden Designs ihre unverkennbare Ästhetik verleihen würde.

Erster Auftritt – Serial Experiments Lain

Serial Experiments Lain
Serial Experiments Lain (© NBCUniversal Entertainment Japan)

Es könnte kaum passender sein: Der junge Zeichner Yoshitoshi ABe, der früh das Potential des noch jungen Internets entdeckt, stellt seine Illustrationen ab Anfang 1996 online und wird kurze Zeit später engagiert, an einer Animeserie mitzuarbeiten, deren zentrale Motive sich mit der Vernetzung durch die Onlinewelt, den Cyberspace, beschäftigen.

Es ist die Geburtsstunde von Serial Experiments Lain, einem komplexen Science-Fiction-Konstrukt, dessen Inhalt sich kaum in wenigen Worten adäquat wiedergeben ließe. Die nonlineare, verwobene Handlung beschäftigt sich mit Themen, die Fragen nach Realität und Virtualität stellen, nach Objektivität und Wahrnehmung; sie reichen von Verschwörungstheorien, über dissoziative Identitätsstörungen bis hin zur artifiziellen Allmacht, der Gottheit aus der Maschine. Präsentiert werden diese Ideen in ABes Zeichenstil, der bei dem Projekt vorrangig als Charakterdesigner fungiert. Bei Designentscheidungen überlässt man ihm weitgehend freie Hand und das Resultat kann sich sehen lassen. Die Ästhetik der Serie kommt in düsteren, detailreichen Bildern daher, welche die mysteriöse, eigenartige und mitunter auch bedrohliche Stimmung perfekt unterstreichen. Dem ernsten Ton angemessen, verzichtet ABe auf animetypische visuelle Überzeichnung. Das Figurendesign ist bodenständig, erwachsen, authentisch. Große Augen und bewusste anatomische Kuriositäten – die man ohnehin überwiegend im Comedybereich vorfindet – sucht man vergebens. Vergleichbar ist diese bei Animeserien eher untypische Art, realistische Charaktere zu zeichnen, vermutlich am ehesten mit dem drei Jahre zuvor erschienenen Film Ghost in the Shell oder der Mysteryserie Boogiepop Phantom.

Low-Budget-Stilbruch? – NieA_7

Die Animewelt des Yoshitoshi ABe - NieA_7
NieA_7 (© NBCUniversal Entertainment Japan)

Jahrtausendwende. Zwei Jahre nach dem Erscheinen von Serial Experiments Lain, arbeitet Yoshitoshi ABe am nächsten Anime. Dieses Mal erlaubt ihm seine Position, über das Charakterdesign hinaus, auch entscheidende Eingriffe in das generelle Setting der Serie vorzunehmen. Ungewöhnlich ist allerdings, und das zeigt sich auch mit Blick auf ABes weiteres Schaffen, dass das Projekt mit dem merkwürdigen Namen NieA_7 ein Slice-of-Life-Anime mit deutlichem Fokus auf humoristische Elemente ist. Ein extrem populäres Animegenre über witzig aufbereitete, alltägliche Geschichten; „wie aus dem Leben gegriffen“, könnte man sagen. ABes Illustrationen haben oftmals eine gewisse Ernsthaftigkeit, die den Eindruck erwecken, der Künstler sei nicht der Typ für Komödien. Comichafte Übertreibungen und alberner Klamauk werden im Medium Anime unzweifelhaft stark über das visuelle Element vermittelt. Der Mann, der Serial Experiments Lain seinen unnachahmlichen Stil verlieh, scheint so gar nicht dazu zu passen. Dass dieses Mal außerdem ein deutlich niedrigeres Budget zur Verfügung steht, macht die Arbeit des detailverliebten Zeichners nicht unbedingt leichter. Dennoch gelingt es ABe, seinen für ihn typischen Look nicht völlig aufzugeben, sondern geringfügig anzupassen und gleichzeitig nicht wie einen Fremdkörper wirken zu lassen. Dieser Spagat gelingt, weil in der Serie eine tiefer sitzende psychologische Komponente steckt, die dafür sorgt, dass die heitere Stimmung in der zweiten Hälfte in Melancholie umschlägt.

Die Handlungsprämisse zeigt uns eine Wirklichkeit, in der Menschen und Außerirdische in einer gemeinsamen Gesellschaft auf der Erde leben. Es gibt keine klassische Angst, keine Paranoia, aber auch keine große Faszination. Stattdessen begegnet man den Aliens, wie man auch Menschen begegnen würde, mit Normalität. Aliens leben in Häusern, essen die Speisen der Menschen und suchen sich Berufe, um Geld zu verdienen. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der witzige Alltag einer mittellosen Oberschulabsolventin und ihrer nimmersatten, außerirdischen Untermieterin. Unter der gelassenen, lustigen Stimmung an der Oberfläche verbergen sich jedoch auch zu Anfang bereits Probleme, die die Protagonisten zu komplexen Charakteren machen, eben zu realitätsnahen Figuren. Kein Lächeln kann über die massiven Existenz- und Zukunftsängste hinwegtäuschen. In den Slapstickeinlagen und der auftretenden Situationskomik wirkt NieA_7 natürlich wie typische Animecomedy. Genau dann bricht auch ABe ein Stück weit mit seinem Stil.

Doch in den Augenblicken, in denen ABe seine Figuren nachdenklich in die Ferne blicken lässt, in denen deutlich wird, dass man den negativen Aspekten des Lebens nicht aus dem Weg gehen kann, sind es seine unkonventionellen Zeichnungen, die NieA_7 über jegliche Genrekonkurrenz erhebt. Die Animationen mögen aufgrund des geringen Budgets etwas versteift erscheinen, die groben Hintergründe sind flach und detailarm, doch ABe lässt die Gesichter seiner Figuren sprechen: Eine Mimik, die derart intensiv Emotionen und Gedanken vermittelt, wie sie mit animetypischem Zeichenstil nur schwer vorstellbar wäre.

Herzensangelegenheit – Haibane Renmei

Die Animewelt des Yoshitoshi ABe - Haibane Renmei
Haibane Renmei (© NBCUniversal Entertainment Japan)

Zwei weitere Jahre sind vergangen und die nächste Stufe seiner Karriereleiter belohnt ABe endlich mit seinem eigenen Anime, bei dem er als Ideengeber, Drehbuchautor und Showrunner fungiert. Die dreizehnteilige Dramaserie über eine Gemeinschaft engelsähnlicher Wesen hört auf den Namen Haibane Renmei (dt.: „Bund der Aschflügel“) und basiert außerdem auf einem Dōjinshi von ABe, einem selbstpublizierten Manga.

Inspiriert von Bestsellerautor Haruki Murakamis Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt, erschafft ABe eine kleine, isolierte, geheimnisvolle Welt, die durch eine Mauer von allem Äußeren abgeschirmt ist. Das Dorf und seine umliegende Region wird jedoch nicht nur von Menschen bevölkert, sondern auch von sogenannten Haibane, vom Aussehen her an Engel erinnernde Wesen, die aus einem Kokon schlüpfen, von ihren vorherigen Leben träumen und sich in die Gesellschaft der Menschen zu integrieren versuchen, obwohl sie niemals als gleichwertiges Mitglied behandelt werden können. ABe erzählt von der Suche nach einem Platz im Leben, von Sinn und Zweck, vom Festhalten und Loslassen und von Sünde und Erlösung. In seiner neuen Position, die ihm kreative Freiheit in sämtlichen Belangen erlaubt, überlässt ABe Inhalt und Wirkung seiner Serie vor allem seinem Gefühl. Entsprechend gibt sich Haibane Renmei in vielerlei Fragen relativ kryptisch und verlangt vom Zuschauer ganz eigene Interpretationsarbeit. Die Faszination seiner Geschichte ergibt sich letztlich aus der mysteriösen Atmosphäre dieser sonderbaren Welt und den großen Emotionen, die die Schicksale ihrer Figuren begleiten. Dabei bleibt die Serie völlig unaufgeregt und schreitet mit gemächlichem Tempo ihren in Wahrheit großen Themen entgegen und wird auf diese Weise selbst zu einem großen, kleinen Anime der ganz besonderen Art.

Zurück zum Cyberpunk – Texhnolyze

Die Animewelt des Yoshitoshi ABe - Texhnolyze
Texhnolyze (© NBCUniversal Entertainment Japan)

Im Jahr 2003 markiert Texhnolyze Yoshitoshi ABes vorerst letzte Arbeit an einem Anime und seine Rückkehr zum Science-Fiction-Genre, genauer, zum Cyberpunk. Im Gegensatz zu Haibane Renmei ist ABe jedoch nicht mehr in alle kreativen Prozesse involviert, sondern kümmert sich um die Designs. Diese können sich – wie gewohnt – absolut sehen lassen. In 22 Episoden breitet sich eine düstere Geschichte um Bandenkriege in einer unterirdischen, mit künstlichem Sonnenlicht versehenen Stadt aus, in welcher der ärmeren Bevölkerung der Zugang zu künstlichen Gliedmaßen verwehrt bleibt.

Ein experimenteller Erzählstil, der mit erläuternden Dialogen spart, legt den Fokus zwangsläufig auf das visuelle Element. Hier glänzt Texhnolyze mit seinem reizvollen, beklemmend inszenierten Setting und eben vor allem mit seinen von ABe gestalteten Figuren, denen – insbesondere in der ersten Hälfte der Serie – mehr noch als in anderen Projekten mit ABes Beteiligung durch Mimik und Gestik Ausdruck verliehen wird. Zwar kann man bei den ganz großen Designentscheidungen dieses Animes selbstverständlich nicht davon ausgehen, dass ABe das letzte Wort hat, nichtsdestotrotz erkennt man zweifelsfrei, dass sich der Künstler in dieser Cyberpunkwelt pudelwohl fühlt und Fans von Serial Experiments Lain kommen eigentlich nicht umhin, einen Blick zu riskieren. Die dichte Atmosphäre und die zunächst kryptische Handlung laden wie schon sechs Jahre zuvor zur aktiven geistigen Mitarbeit des Zuschauers ein. Angesichts von ABes Animeanfängen, scheint Texhnolyze also thematisch und designtechnisch einen Kreis zu schließen.

Manga und Artbook – ABe nach Despera

Die Animewelt des Yoshitoshi ABe - Despera
Despera (© NBCUniversal Entertainment Japan)

2009, fünf Jahre nach Texhnolyze, kommt das Team um Serial Experiments Lain wieder zusammen, um ein neues Animeprojekt in Angriff zu nehmen. Mit an Bord ist ebenfalls wieder Yoshitoshi ABe als Charakterdesigner. Die Animeserie soll Despera heißen und als Science-Fiction-Geschichte im Tokyo der 1920er Jahre spielen, in denen ein junges Mädchen eigenartige Geräte und Maschinen bastelt.

Als Regisseur Ryūtarō Nakamura jedoch 2011 an einem Bauchspeicheldrüsentumor erkrankt, wird die Arbeit an der Serie unterbrochen. 2013 verstirbt Nakamura. Die Produktion stand lange Zeit still. Erst 2015 gab es Bestätigungen der Wiederaufnahme.

An weiteren Animeserien hatte sich ABe in der Zwischenzeit nicht beteiligt. Stattdessen verbrachte er die letzten Jahre damit, Manga zu zeichnen und Artbooks zu veröffentlichen. Wie sich Despera entwickelt, bleibt abzuwarten. Doch ganz gleich, was die Zukunft bringen wird, der eigenwillige Künstler hat bereits jetzt ein eindrucksvolles Vermächtnis für die Freunde des bewegten Bildes hinterlassen. Auch wenn er quantitativ nicht mit anderen bekannten Größen der Animeindustrie mithalten kann, ist die Qualität seiner Arbeit, seines unverkennbaren Stils, unbestritten.

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