Als sich Gintama um 180 Grad wendete

Wer kennt ihn nicht? Diesen lustigen Comedy-Anime rund um den ehemaligen Samurai Sakata Gintoki und seine wahnwitzigen Alltagsabenteuer im Japan zur Zeit der Edo-Periode. Obgleich er auf eine zusammenhängende, ernstzunehmende Handlung größtenteils verzichtet, bietet Gintama nahezu perfekte Unterhaltung und jede Menge absurden Spaß. Zumindest dachte man das. Bevor der Benizakura-Arc kam und alles um 180 Grad umkrempelte.

Ach ja, Gintama. Ein Anime, sie alle zu knechten. Mit dieser Adaption des gleichnamigen Mangas von Hideaki Sorachi erschuf Studio Sunrise, welches unter anderem für den äußerst populären Anime Code Geass verantwortlich ist, einen geschliffenen, grell funkelnden Diamanten im Comedy-Genre. Jede Episode ist ein in sich geschlossener, komödiantischer Geniestreich und hat mich, ohne Übertreibung, schon ganze Eimer an Lachtränen gekostet.

Doch wenn man aufmerksam hinschaut, verbirgt sich hinter Gintama bei näherer Betrachtung viel mehr, als bloß eine primitive Komödie. Das Werk ist in meinen Augen vielmehr eine Parodie auf so ziemlich alles, was im Bereich der japanischen Kultur kreucht und fleucht, wobei das Hauptaugenmerk selbstverständlich auf Anime und Manga gerichtet ist.

Die Handlung von Gintama wird die meiste Zeit über episodisch erzählt. Im Prinzip gibt es somit gar keinen übergeordneten Plot. In jeder Folge findet ein neues skurriles, witziges, sinnloses und vor schwarzem Humor triefendes Abenteuer statt, das meistens nicht einmal annähernd den Anspruch darauf erhebt, eine ernstzunehmende Story zu repräsentieren. Ganz im Gegenteil: Gintama ist penibel darauf bedacht, sich so wenig ernst zu nehmen, wie nur möglich. Und selbst in den, hin und wieder auftauchenden, seriösen Momenten, behält die Serie ein verschmitztes Augenzwinkern in Richtung ihrer Zuschauer bei.

Das eben angesprochene selbstironische Konzept, welches dem Anime zugrunde liegt, geht über dutzende Episoden hinweg gnadenlos auf. Zumindest bis Gintama in den Folgen 58 bis 61, dem sogenannten Benizakura-Arc, zum ersten Mal seine dunkle Seite offenbart. Plötzlich scheint der Anime wie ausgewechselt. Der übliche obligatorische Nonsens weicht blutigem Ernst und emotionaler Dramatik. Die Geschichte wird auf einmal extrem düster, brutal und schonungslos kaltherzig. Menschen sterben, Körperteile werden abgetrennt und scharlachrotes Blut spritzt literweise in alle Richtungen.

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Und das Beste: Zum ersten Mal lässt der Anime durchblicken, dass er – abseits von verspielter Albernheit und perversem Humor – durchaus zu intelligentem Geschichtenerzählen im Stande ist.
Und nach allem, was sich in den vier Episoden des Benizakura-Arcs ereignet, bleibt für den völlig überrumpelten Zuschauer nur eine einzige Frage offen: „Ist das hier überhaupt noch Gintama?“

Es sollte sich bereits nach dem Umibozu-Arc (Folge 40 bis 42) herauskristallisiert haben, dass Gintama in der Tat dazu in der Lage ist, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, diese mit der nötigen Ernsthaftigkeit zu versehen und den Charakteren ein gehöriges Maß an Tiefe zu verleihen. Man denke nur an Kaguras inneren Konflikt nach der Konfrontation mit ihrem Vater und die daraus resultierende emotionale Überforderung.

Nun gelingt es aber dem Benizakura-Arc, all die kleinen erzählerischen Elemente, welche den Umibozu-Arc als eine gelungene Abwechslung auszeichnen, um einiges besser, sinnvoller und beeindruckender umzusetzen. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass sich der Benizakura-Arc, über seine vier Episoden hinweg, zu einem waschechten Meisterwerk unter den Fighting-Shōnen mausert.

Doch was ist es genau, das Gintama in diesem kurzen Arc zu etwas Besonderem macht?
Dieser Frage werde ich in meiner folgenden Analyse auf den Grund gehen und dabei die einzelnen positiven Facetten des Arcs im Detail beleuchten.

Und vorweg noch eine schnelle Warnung: Natürlich werde ich in meiner Analyse nicht um diverse Spoiler herumkommen können, daher würde ich jedem, der den Benizakura-Arc nicht gesehen hat, eindringlich davon abraten, ab diesem Punkt weiterzulesen.

Ja, „Gintama“ hat eine Story

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Um nicht allzu lange um den heißen Brei herumzureden: Die größte Stärke des Benizakura-Arcs liegt in seinem furiosen, geradezu perfekten Storytelling. Darunter fällt zum einen die zusammenhängend erzählte Geschichte, welche in Folge 58 damit beginnt, überraschend brutale und erwachsene Töne anzuschlagen, nur um später die Schlinge gnadenlos immer enger und enger zu ziehen und schließlich in Folge 61 ihren dramaturgischen Höhepunkt zu erreichen.

An dieser Stelle muss ich ein großes Lob auf die überraschende Konsequenz aussprechen, welche Gintama in den ernsten Momenten des Arcs an den Tage legt. Während unsere Protagonisten vorher nie einer ernstzunehmenden Gefahr ausgesetzt waren, macht einem der Benizakura-Arc recht schnell bewusst, dass er keine Gefangenen nimmt. Anstatt dass mit harmlosen Holzschwertern gefochten wird, verwenden die Samurai im Benizakura-Arc echte, scharfe Klingen und kreuzen diese in tödlichen Duellen mit ihren schier übermächtigen Feinden.
Die Kämpfe, die bei einem Fighting-Shōnen logischerweise unabdingbar sind, gewinnen dadurch enorm an Spannung, Dramatik und – was am wichtigsten ist – Unvorhersehbarkeit.

Apropos Unvorhersehbarkeit: Bereits in einer kurzen Szene zu Beginn des Arcs müssen wir dem schockierenden Ableben von einer der sympathischsten Hauptpersonen, Katsura Kotarou, beiwohnen.
Später verschärft sich die Lage sogar noch mehr, als Gintoki im finalen Akt von Folge 58 in einen tödlichen Kampf mit dem blinden Schwertmeister Okada Nizou verwickelt wird, in dessen Folge Ersterer schwer verwundet wird und Letzterer einen Arm einbüßen muss.

Ab diesem Punkt schafft es Gintama erstmals, sein Publikum während eines Kampfes emotional zu packen, an den Bildschirm zu fesseln und zum Mitfiebern zu bringen.
Selbiges gilt für das fulminante Finale des Arcs, den letzten Kampf zwischen Gintoki und Nizou in Folge 61, der ohne Frage die bis dato spannendste und am besten choreographierte Kampfsequenz des gesamten Anime sein dürfte.

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Auf der anderen Seite äußert sich das starke Storytelling des Benizakura-Arcs nicht lediglich in dem erwachsenen Tonfall, den die Story urplötzlich anschlägt, sondern auch in den verheißungsvollen Rückblenden, durch die uns Gintama erstmals kurze Einblicke in die Vergangenheit von Gintoki und Katsura gewährt.
Es scheint so, als hätten sich die Beiden als Kinder ein Klassenzimmer mit Takasugi Shinsuke, dem blutrünstigen Antagonisten des Arcs, geteilt. Dabei werden endlich Takasugis wahre Motive aufgedeckt, in denen sich sein Wunsch nach Chaos und Zerstörung begründet. Alles lässt sich auf den Verlust von Takasugis geliebten Lehrer und den damit verbundenen Weltschmerz zurückführen, welcher seine labile Psyche schließlich in sich zusammenbrechen ließ.

Aus psychologischer Sicht macht das aus Takasugi einen extrem interessanten und unberechenbaren Gegenspieler. Um seinen Hass auf die Welt, die ihm seinen Freund genommen hat, zu katalysieren, hat er es sich selbst zur Aufgabe gemacht, ebendiese grausame Welt zu vernichten.
Ich für meinen Teil wurde jedenfalls von der Figur des Takasugi komplett in den Bann gezogen. Und das nicht nur wegen seines aufregenden und faszinierenden Designs.

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Gintama nutzt die besagten Flashbacks freilich nicht nur dazu, in die Vergangenheit zu schauen, sondern auch um einen kurzen Blick in Richtung Zukunft zu werfen. Mir stellt sich ganz besonders eine Frage: Wird es in zukünftigen Episoden mehr Backstory zu Gintoki, Katsura und Takasugi geben? Ich hoffe es doch sehr. Denn dadurch verleiht der Anime seinen Charakteren mehr Profil und die Geschichte gewinnt merklich an Substanz. Deswegen würde ich es begrüßen, künftig noch mehr Einblicke in die hintergründigen Beziehungen zwischen den Protagonisten und den Antagonisten des Anime erhaschen zu dürfen.

Außerdem empfände ich ein wenig mehr Screentime für den famosen Takasugi als wünschenswert. Und wer weiß, vielleicht gelingt es Gintama irgendwann in der Zukunft erneut, ein Meisterstück wie den Benizakura-Arc auf die Beine zu stellen.

Zwischen Humor und Ernsthaftigkeit

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Wie schon mehrfach geschrieben, ist der Benizakura-Arc das bis dato düsterste Kapitel von Gintama. Aber selbstverständlich nimmt sicht der Arc nicht ständig bierernst. Wie man es nicht anders von Gintama gewohnt ist, behält der Benizakura-Arc eine große Menge an sympathischem Humor bei und der eine oder andere Running-Gag findet ebenfalls seine Verwendung. Jedoch – und hier liegt der springende Punkt – werden die komödiantischen Elemente nur außerhalb des Schlachtfelds eingesetzt, wodurch die Ernsthaftigkeit in den intensiven Kampfszenen und den dramatischen Momenten des Arcs erhalten bleibt.

Als gutes Beispiel dafür könnte man die Szene heranziehen, in der Gintoki, geschwächt von seine Verletzungen durch den Kampf mit Nizou, von Shinpachis Schwester verarztet und mittels Gewalt im Bett festgehalten wird. In dieser Szene kommt der gewohnte Charme von Gintama zum Zuge und lockert die Stimmung erheblich auf. Doch sobald Gintoki aufs Neue in die Schlacht zieht und sich seinen augenscheinlich übermächtigen Gegnern stellt, wird der Humor auf ein Minimum zurückgeschraubt.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie leichtfertig es diesem Anime gelingt, von einer Szene auf die Nächste ganz reibungslos den Sprung zur Ernsthaftigkeit zu schaffen, ohne dabei seinen typischen Charme einzubüßen.
Mir würde spontan kein anderer Anime einfallen, der Spannung, Action und Drama so problemlos mit Comedy vereinigen kann, ohne dass die Serie darunter leiden müsste. Damit vergleichbar wäre möglicherweise einzig und allein Fullmetal Alchemist: Brotherhood. Und selbst dort wirkt der Humor in einigen Momenten sehr deplatziert und unpassend.

Symbolismus und zwar nicht zu wenig

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Zuletzt möchte ich noch kurz auf die beachtliche Menge an Symbolismus zu sprechen kommen, der während des Benizakura-Arcs auffallend häufig eingesetzt wird.
Schon im Prolog zu Folge 58 wird das Symbol der Motte, die sich unaufhaltsam zur todbringenden Flamme hingezogen fühlt, verwendet.
Doch was genau hat diese Metapher zu bedeuten? Im Prinzip steht die Motte im übertragenen Sinne für einen Krieger – besser gesagt für die Seele eines Kriegers – welche von der Aura einer physisch oder mental stärkeren Persönlichkeit beinahe magisch angezogen wird.

So wie sich Motten in der Nacht um eine Lichtquelle tummeln, so scharen sich Krieger und Schwertkämpfer um eine Anführerfigur. Diesen Platz nimmt im Benizakura-Arc selbstverständlich Takasugi ein, der eine Gruppe von radikalen Samurai, Kiheitai genannt, um sich versammeln konnte. Darunter befindet sich auch Nizou, der im Showdown des Arcs durch Gintokis Klinge fällt. Gerade er nimmt in diesem Arc eine entscheidende Rolle ein, die für das volle Verständnis der Motten-Symbolik essenziell sein könnte. Denn es ist niemand anderes als Nizou, der durch Takasugis flammende Persönlichkeit am stärksten eingenommen wird. Und wie ein Insekt, das einer lodernden Flamme zu nahe kommt, muss auch er letztendlich zwangsläufig sterben. Und während er seinen letzten Atem aushaucht, umhüllt eben das Licht seinen Körper, welches er die ganze Zeit über zu erreichen versuchte. Im wahrsten Sinne des Wortes wird Nizou von diesem Licht verschlungen und stirbt.

Die symbolische Bedeutung der Motte stellt somit ein wichtiges Leitmotiv dar. So verwundert es auch kaum, dass die Motte während des Arcs scheinbar omnipräsent ist. Sie taucht beispielsweise mehrfach im fünften Ending der Serie – Shura von der japanischen Band DOES – im direkten Zusammenhang mit Takasugi auf.

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Außerdem zieren mehrere Motten Takasugis violetten Kimono, was seine symbolische Rolle als das anziehende Licht, welches er für seine Gefolgsleute darstellt, erneut untermauert.
Und die finale Episode des Arcs, Folge 61, trägt sogar den poetischen Titel On a Moonless Night, Insects Are Drawn to the Light. Eine Interpretation in die oben umschriebene Richtung liegt daher relativ nahe.

Mein Fazit

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Zum Abschluss meiner Analyse gibt es hier noch ein kleines Résumé: Im Benizakura-Arc stellt Gintama erstmals unter Beweis, dass der Anime mehr kann, als witzige Comedy und sympathische Unterhaltung. Zwar bleibt der Humor erhalten, allerdings setzt der Arc ganz andere Schwerpunkte und konzentriert sich in erster Linie auf Suspense, intelligentes Storytelling, Charakterweiterentwicklungen, grandiose Action-Szenen, hilfreiche Flashbacks und viel unterschwellige Symbolik. Zudem wird mit Takasugi Shinsuke und den restlichen Kiheitai ein breites Spektrum an interesseweckenden Antagonisten aufgeboten, die ich in Zukunft gerne öfter zu Gesicht bekommen würde.

Das Einzige, was ich leider am Benizakura-Arc kritisieren muss, ist seine Länge von nur vier Episoden. Hätte man nicht gleich sechs, sieben oder acht Folgen aus diesem exzellenten Stoff herausholen können? Klar, in der Kürze liegt die Würze, aber wenn sich Gintama schon die Mühe macht und eine gut durchdachte, vielseitige Story erzählt, hätte man diese doch ohne Weiteres auf mehr als vier Episoden ausdehnen können, oder?

Wie dem auch sei, der Benizakura-Arc bleibt dennoch ein unanfechtbares Meisterwerk und der mit Abstand beste Arc innerhalb der ersten 100 Episoden von Gintama.
Nebenbei, ich bin aktuell bei Folge 105 angelangt und meine Erwartungen für die künftigen Arcs steigen zunehmend höher und höher. Ich bin wirklich extrem gespannt, was der Anime noch alles für mich in petto hält und ob er sich irgendwann gar selbst übertrumpfen wird.

Falls dies eintreffen sollte, dann sehe ich in Gintama das Potenzial, zu einem der besten Shōnen-Anime aller Zeiten zu avancieren. Und ich bin mir recht sicher, dass mich der Anime unter diesem Gesichtspunkt nicht enttäuschen wird. Denn wir sprechen hier schließlich von Gintama.

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