Cyberpunk und fehlende Boys Love in DRAMAtical Murder

Mit DRAMAtical Murder präsentiert Studio NAZ den Anime zur gleichnamigen Boys Love – Visual Novel…

… und schießt damit glatt am Ziel vorbei. Es reicht schon aus, sich nur rudimentär mit der Geschichte der Vorlage beschäftigt zu haben, um zu wissen, dass der 12-teilige Anime im direkten Vergleich völliger Mumpitz ist.

Der Inhalt

Der Toue Konzern errichtet sich auf der Insel Midorijima das Platinum Jail – eine luxuriöse und utopische Einrichtung, die den gut betuchten Bewohnern Glück und Ablenkung verspricht, während das gemeine Fußvolk in den alten heruntergekommenen Stadtdistrikten außerhalb leben muss. Dort verdingt sich auch Aoba, der über eine spezielle Fähigkeit verfügt.

Die Story

Wer sich auf heiße, lüsterne und verschwitzte Orgien gefreut hat, der wird hier völlig enttäuscht vonstatten ziehen müssen. Denn DRAMAtical Murder nimmt sich die Hintergrundgeschichten seiner Charaktere rund um Aoba und schweißt diese ohne wirklichen Zusammenhang zusammen und entwirft eine Geschichte, die kaum der Rede wert ist. Mit leichtem, aber kaum zu übersehenden gay-Subtext, der wohl nur als kleiner Anheizer für die Visual Novel dienen soll, werden zahlreiche Dinge durcheinander geworfen, für die schlicht und ergreifend der Kontext fehlt. Wie zum Beispiel das sogenannte „Rhyme“; ein Spiel, in dem sich je zwei Spieler auf einem virtuellen Spielfeld bekämpfen. Oder die Ribs – Banden, die sich in old school-Manier gegenseitig auszubooten versuchen, um in den heruntergekommenen Vierteln Midorijimas zu überleben.

All das wird schnell zur Nebensache, wenn Aoba mit seinem All-Mate Ren (ein  Computerprozessor in Hundegestalt) im Schrottladen seine Schichten schiebt. Eines Tages wird er auf dem Heimweg in ein ungeplantes Rhyme-Battle gezogen, in welchem die Regeln dahingehend verändert wurden, dass sich der physische Schaden auch außerhalb der virtuellen Welt auf den Spieler auswirkt. Ohne zu wissen warum oder wer hinter dieser Attacke steht, sucht er Rat bei seinen Freunden: Dem Friseur Koujaku und dem Bandenboss Mizuki. Doch auch diese wissen nichts und erst dank der Tipps der beiden zwielichtigen Kerle Trips und Virus‘, die sich in der Rhyme-Szene bestens auskennen, kommen Zusammenhänge ans Licht: Die unangekündigten Rhyme-Battles scheinen in Zusammenhang mit verschwundenen Bandenmitgliedern zu stehen und alles deutet auf die Gang Morphine hin…

Zwar verpackt sich alles in eine größere Handlung, die auch so etwas wie DRAMAtik verspricht, aber weder ist diese innovativ noch sonderlich packend geraten. Stattdessen führt das eine eben zum anderen, während dem Rhyme-Battle anfangs so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, dass man es daraufhin glatt als wichtig für die Handlung erachten möchte. Das wird es in dem Sinne jedoch nicht, denn letzten Endes dreht sich alles um Aoba und seine ihm noch unbekannte Fähigkeit, mit dessen Hilfe er sämtlichen Hindernissen auf den Weg zu Toue aus dem Weg zu gehen versucht. Und genau hier liegt der Hund begraben, weil DRAMAtical Murder einfach nicht weiß, was es denn genau will. Will der Anime plot-driven sein, also durch die spärliche und trotz der Geheimniskrämerei wenig spannenden Geschichte führen, oder will der Anime character-driven sein und statt der Handlung die Charaktere ins Zentrum der Betrachtung rücken? Mit der Zeit wird klar: Letzteres ist der Fall. Doch wie mit den Figuren umgegangen wird, ergibt mancherorts keinen Sinn, erscheint aus der Luft gegriffen und wenig überzeugend an sich. Doch wenn sich die Serie auf ihre Figuren fokussiert und Aoba mit den einzelnen Hintergrundgeschichten der anderen Figuren aus der Visual Novel konfrontiert, dann wird aus der Serie zumindest teilweise ein Schuh und DRAMAtical Murder schnuppert zumindest an den Möglichkeiten, die sich dem Anime geboten hätten. Denn auf emotionaler Ebene dürfte einem doch einiges an die Nieren gehen und das ist das große Plus der Serie. Wenn einem die Töle Ren ans Herz wächst und die Randfiguren wie den mit Gasmaske auftretenden Clear, der in Aoba seinen Master sieht, allmählich mit Leben füllen, dann funktioniert der Anime. Auch wenn es sich dabei nur um lose Versatzstücke aus der Vorlage handelt, um eine Motivik für die Handlung zu entwickeln. Es lässt sich als nicht ganz so sinnlos erachten, wie es sich im Grunde mit der Umsetzung verhält (die nun mal das A & O der Visual Novel komplett ausklammert).

Das Handwerkliche

Diese lassen nicht viel zum Meckern übrig. Sie sind flüssig, greifen gut mit den CG-Effekten innerhalb der Rhyme-Battles ineinander und werten die Serie dadurch ein Stück weit auf. Das Charakterdesign ist 1:1 der Visual Novel entnommen und wirkt auch in bewegter Form recht ansprechend, wenn man Fan von etwas spacigeren, respektive cyberpunkthematisierender Serien ist. Etwas aus der Rolle fallen stellenweise die Backgroundzeichnungen, die in einem leuchtenden Aquarellstil daherkommen, sich aber gerade dadurch von den runden Animationen abheben. Das hat etwas Eigenes für sich und wirkt in seiner kontrastierenden Art sehr cool, ebenso wie beispielsweise die kleinen Details auf Koujakus Kimono, welcher an den Ärmeln in ein schönes Muster verläuft. Ansonsten bleibt noch der 8-bit Style zu erwähnen, der in den Schlüsselmomenten die Handlung vorantreibt und an den Gamer im Zuschauer apelliert. Ein schöner Einfall, der auch akzeptabel in Szene gesetzt wird.

Neben den Animationen gehört auch der Soundtrack von Yuuki Hayashi (Death Parade) erwähnt, der nicht nur saftige Cyberbeats hervorbringt, sondern auch balladesque Pianostücke, die natürlich stimmungstragend in den emotionalen Momenten zur Geltung kommen. Der Score befindet sich in stetem Wechsel und bringt den Mikrokosmos Midorijima zum pulsieren und zählt zum Herzstück von DRAMAtical Murder. Denn nicht nur kleine Charakterthemes wie zum Beispiel der Jellyfishsong Kurage no uta, der von Clears Seiyū Masatomo Nakazawa eingesungen wurde überzeugt auf ganzer Linie, auch die unterschiedlichen Endingthemes, die von verschiedenen Künstlern beigesteuert wurden und zu je unterschiedlichen Versionen der Endcredits gezeigt werden.
Es sind diese Kleinigkeiten, die dem Anime seine Daseinsberechtigung einräumen, wenn man sich mit der Tatsache abgefunden hat, keine 1:1 Verfilmung vor der Nase zu haben.

Fazit

DRAMAtical Murder stellt das Publikum vor die Frage nach dem Sinn einer Verfilmung, wenn doch die Vorlage nur in wenigen, dafür umso plakativeren Momenten zum Vorschein kommt, so außer Acht gelassen wird. Ich kenne die Rahmengeschichte der Visual Novel nicht, kann daher auch nicht beurteilen, inwiefern sich diese hier vom Anime unterscheidet. Dass aber eben die Yaoi-Elemente, die einen Großteil der Vorlage ausmachen gänzlich wegfallen, sorgt für Verstimmung und sorgt für eine akute Distanz zum Anime. Dass dann beim Versuch, mit der OVA DRAMAtical Murder: Data_xx_Transitory versucht wird, aufs billigste an eben diese Masche anzuknüpfen und wiederum einzig und allein aus den krampfhaft zusammengefügten bad endings der Visual Novel nochmal Werbung für eben diese zu machen, ist schwach. Sehr schwach. Denn auch auf diese Weise schrammt DRAMAtical Murder völlig an seiner Prämisse  vorbei und sorgt für mitleidiges Kopfschütteln. Und auch hier stellt sich wieder die Frage nach dem Sinn…
Wer Lust auf eine cyberpunkige und leichtverdauliche Story hat und die Vorlage nicht kennt, der kann bei diesem Anime zugreifen. Sofern man die eigenen Erwartungen im Zaum hält.

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