Die Animewelt des Satoshi Kon

Die Animewelt des Satoshi Kon

Sechs Jahre ist es inzwischen her, dass die Welt einen der größten Animekünstler aller Zeiten verlor. Satoshi Kon war ein japanischer Drehbuchautor und Regisseur und wurde krankheitsbedingt nur 46 Jahre alt. Hinterlassen hat er ein überschaubares, doch unglaublich eindrucksvolles Vermächtnis von vier Filmen und einer Fernsehserie.

Zu Studienzeiten an der Musashino Art University machte Kon bereits als Mangaka auf sich aufmerksam und debütierte 1984 mit Toriko. Doch erst nach seinem Abschluss in Grafikdesign, im Jahr 1987, führte ihn sein Weg gezielter in Richtung Anime. In den 90er Jahren assistierte er unter Größen wie Mamoru Oshii und Katsuhiro Ôtomo, bevor letzterer Kon seine erste künstlerisch einflussreiche Position ermöglichte: Drehbuchautor und Art Director für den surrealen Science-Fiction-Kurzfilm Magnetic Rose in Ôtomos Omnibus-Projekt Memories.

Die Animewelt des Satoshi Kon - Magnetic Rose
Magnetic Rose © Sony Pictures

Hier zeichnete sich dann auch bereits eines der zentralen Themen in Kons Schaffen ab, das Spiel mit der Wahrnehmung zwischen Fakt und Fiktion. Eine Reise durch Kons Filmografie bedeutet zugleich eine Reise in das Innerste des Menschen und in die vielfältigen Welten der Psyche, etwas, das sich nicht nur inhaltlich in seinen faszinierenden Geschichten äußert, sondern auch untrennbar mit seinem bildgewaltigen inszenatorischen Stil verbunden ist.

Verstörendes Debüt – Perfect Blue

Die Animewelt des Satoshi Kon - Perfect Blue
Perfect Blue © Rapid Eye Movies

Im Jahr 1997 war es dann an der Zeit. Satoshi Kon drehte seinen ersten abendfüllenden Animationsfilm mit Ôtomo in beratender Position: Ein Psychothriller namens Perfect Blue, lose basierend auf dem gleichnamigen Roman von Yoshikazu Takeuchi.

Die Geschichte der jungen Mima, einer Popsängerin in einer Girlgroup beschäftigt sich mit der angesprochenen Thematik um Wahrnehmung und Kons liebster Frage, der Frage nach Identität. Wenn die protagonistin ihre mäßig erfolgreiche Musikkarriere hinter sich lässt und sich dem Schauspiel widmet, taucht sie immer tiefer in ein Konglomerat verschiedener Realitäten und Persönlichkeiten ein, bis eine Unterscheidung für sie und den Zuschauer nur noch schwer möglich ist. Eine Film-im-Film-Handlung mit gespaltener Persönlichkeit und surreale Wahnvorstellungen unter dem Druck eines unnachgiebigen, fanatischen Stalkers vermischen sich unweigerlich mit Mimas gestörter Fremd- und Selbstwahrnehmung zu einem finsteren Alptraum, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Für Satoshi Kon liegt im Inneren der menschlichen Psyche – natürlich mitunter getriggert durch äußere Einwirkungen – das größte Konfliktpotential allen Seins. Perfect Blue gibt in dieser Hinsicht direkt ordentlich Gas, ohne allzu subtil und nuanciert zu sein, aber das ist definitiv eine gute Entscheidung, denn dies bescherte dem Ausnahmetalent Kon letztlich die nötige internationale Aufmerksamkeit. Hollywood-Regisseur Darren Aronofsky, der sich mit einer nahezu identisch inszenierten Badewannen-Szene in Requiem for a Dream vor Kon verneigte, kaufte sich später sogar die Rechte an Perfect Blue, um mit Black Swan einen Film drehen zu können, der nicht zufällig viele Parallelen zum Anime aufweist.

Die Liebe zum Film – Millennium Actress

Die Animewelt des Satoshi Kon - Millennium Actress
Millennium Actress © Universum Film

Vier Jahre nach seinem Debüt wagte sich Kon an ein gefühlvolles Drama, das nicht nur von einem ungewöhnlichen Leben erzählt, sondern auch als eine Liebeserklärung an das Medium Film im Kontext der japanischen Geschichte verstanden werden kann.

Millennium Actress erzählt vom bewegten Leben der Schauspielerin Chiyoko Fujiwara, die sich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens aus unbekannten Gründen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Dreißig Jahre später versucht einer ihrer größten Fans, Genya Tachibana der Sache in Form eines Dokumentarfilms auf den Grund zu gehen. Im Interview erinnert sich Chiyoko an ihre aufregende und beschwerliche Vergangenheit und lässt Genya und den Zuschauer so die Ereignisse hautnah miterleben, wenn Kon die wichtigsten Stationen ihres Lebens bildgewaltig visualisiert.

Ein Leben, das untrennbar mit ihrer Schauspielkarriere verbunden ist, lässt Chiyoko in unzählige Rollen schlüpfen, fremde Persönlichkeiten in den verschiedensten Filmen vom Samuraiabenteuer bis hin zum Science-Fiction verkörpern, um nicht nur einen wunderbaren Blick auf die unterschiedlichsten filmischen Realitäten zu werfen, sondern letzten Endes auch, um zu sich selbst zu finden. Millennium Actress ist eine Reise durch die (Film-)Geschichte, bei der Chiyoko zwischen all den künstlichen Wirklichkeiten und den falschen Ichs, die eine Wahrheit über sich selbst entschlüsseln muss.

Kon blüht bei diesem Film audiovisuell förmlich auf, kreiert ein sehenswertes Drama zwischen zahlreichen Genres, das mit inhaltlichen und ästhetischen Versatzstücken ganz unterschiedlicher Machart spielt, damit den Eindruck einer großen, die Epochen umspannenden Erzählung vermittelt, nur um tatsächlich eine emotionale Geschichte zu erzählen, die persönlicher und näher am Menschen kaum sein könnte.

Eine Familienangelegenheit – Tokyo Godfathers

Die Animewelt des Satoshi Kon - Tokyo Godfathers
Tokyo Godfathers © Sony Pictures

Wenn Satoshi Kon einen Trunkenbold, einen schwulen Crossdresser und eine junge Ausreißerin als skurriles Obdachlosentrio auf eine wilde und unheimlich amüsante Odyssee durch die Stadt jagt, um ein weinendes Baby zu seiner Mutter zu bringen, scheint das zunächst auf den ersten Blick wenig zu seinen psychologischen Porträts, seinen Identitätsfragen und seiner Wirklichkeitsmanipulation zu passen. Tatsächlich aber geht es auch in dieser turbulenten Weihnachtskomödie um das eigene Ich und die Realität, die damit einhergeht, wenn sich die Suche nach der Familie, des ausgesetzten Kindes zu einer Suche der Wahrheit wird, die jeder der drei Protagonisten tief in sich vergräbt, weil er dem Ich der Vergangenheit nicht in die Augen schauen kann.

Tokyo Godfathers kommt zwar definitiv leichtfüßiger daher, als alles andere, das Kon davor und auch danach gedreht hat, stellt sich aber dennoch wichtigen Fragen, die mit unterdrückten Naturen und Realitätsflucht zu tun haben. Statt als abgründigen Psychothriller oder monumentales Drama, inszeniert Kon dieses Mal eben als lockeren, aber schlussendlich auch sehr ergreifenden Unterhaltungsfilm, der auch für jüngere Zuschauer ganz ohne die psychologische Ebene bestens funktioniert. Die Grundgedanken formuliert Kon dennoch in einer einfachen (Bild-)Sprache, sodass Tokyo Godfathers nicht allzu viel Verständnisprobleme hervorrufen sollte. Gerade deshalb wird der Film auch immer wieder als sanfter Einstieg in das Schaffen des Japaners empfohlen.

Als deutliche Inspiration galt im Übrigen Spuren im Sand von John Ford, ein Western, der drei Viehdiebe in einer nicht unähnlichen Situation ebenfalls mit einem mutterlosen Baby konfrontiert.

Menschliche Psyche in Serie – Paranoia Agent

Die Animewelt des Satoshi Kon - Paranoia Agent
Paranoia Agent © KAZÉ Anime

2004 wagte sich Kon schließlich in neues Terrain vor, das Format der Fernsehserie. In dreizehn Episoden beleuchtet Paranoia Agent verschiedene Menschen und ihre psychologischen Probleme, die alle eine Sache gemeinsam haben: Ein Unbekannter mit einem Baseballschläger spielt eine zentrale Rolle, bei all den schwerwiegenden Zwischenfällen, die den Figuren widerfahren.

Zunächst steht episodisch in jeder Folge ein anderer Charakter im Mittelpunkt. Mal geht es um die psychische Belastung durch Mobbing, mal um das Doppelleben gespaltener Persönlichkeiten, um Wahnvorstellungen, um Depression und generell Stress in vielfältiger, verzweifelter Form. Vielleicht ein Fluch, vielleicht Erlösung, doch sie alle werden vom mysteriösen Shounen Bat, an dessen Gesicht sich niemand zu erinnern vermag, brutal niedergeschlagen. Das ruft die beiden Polizisten Ikari und Maniwa auf den Plan, um Ermittlungen anzustellen, bei denen sie in wahrhaft merkwürdige Bereiche vordringen und in immer surrealere Gefilde abdriften.

Offensichtlich natürlich aufgrund der Länge, aber auch qualitativ darf Paranoia Agent getrost als Kons Opus Manum bezeichnet werden, in das all seine Gedanken und Motive konvergieren. Die Serie beschäftigt sich mit den Innenwelten von Menschen, jedoch – wenig überraschend – auf sehr bildhafte, visuell eindrucksvoll gestaltete Weise. Für den nicht minder gelungenen Soundtrack zeichnete wie schon bei Millennium Actress Susumu Hirasawa verantwortlich.

Der Traum vom Traum – Paprika

Die Animewelt des Satoshi Kon - Paprika
Paprika © Sony Pictures

Was ist Fakt und was nur Fiktion? Wer bin ich wirklich? Kons zentrale Fragen bekommen mit seinem letzten Film, Paprika, einmal mehr eine neue Perspektive zur Antwort. Dieses Mal dreht sich alles um Träume und das manipulierbare Unterbewusstsein des Menschen.

Ein Prototyp des DC Mini, eines neuartiges Geräts, das Psychotherapeuten ermöglicht, in die Träume ihrer Patienten vorzudringen, mit ihnen zu interagieren und die Daten wie eine Videoaufnahme aufzuzeichnen, wurde gestohlen. Dr. Chiba, die das Gerät bereits illegal unter ihrem Traum-Alter-Ego „Paprika“ benutzte, macht sich auf, den Dieb zu finden. Auch der Polizist Konakawa hat die Ermittlungen bereits aufgenommen. Dabei führt die Suche nach dem Dieb, der den DC Mini inzwischen für Traumterrorismus und Manipulation anderer Menschen benutzt, durch die surreale Wildnis zahlreicher Traumwelten, eine bizarrer als die nächste, bis die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit zu verschwimmen drohen.

Gleichzeitig lässt sich Kon natürlich nicht nehmen, die Suche seiner Protagonisten auch zu einer Suche nach sich selbst zu machen. Hier kommt er zum letzten Mal auf das Identitätsmotiv zu sprechen, wenn das eigene Ich seine unterbewusste Natur unterdrückt, die sich nur im Traum ungezügelt entfalten kann oder wenn das eigene Ich sich vehement vor der Vergangenheit verschließt, der sich letztlich nur durch die Freiheit des Traumes gestellt werden kann.

Auch Paprika steht in vielerlei Hinsicht stellvertretend für Kons Schaffen als Ganzes, als Einstieg und eben auch als Abschluss in atemberaubenden Bildern, die einen nicht mehr loslassen.

Das Ende einer Ära

Die Animewelt des Satoshi Kon - Yume Miru Kikai
Yume Miru Kikai © Madhouse

Am 24. August 2010 verstarb Satoshi Kon an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Sein Film Yume Miru Kikai blieb unvollendet und ist bis heute in Produktion. Finanzielle Probleme, vor allem aber die Lücke, die Kon hinterließ, halten das Projekt nach wie vor in der Warteschleife. Der Titel kann etwa mit Die Traummaschine übersetzt werden und hätte vermutlich Kons Interesse für Träume und das Unterbewusstsein weiter differenziert. So aber bleiben nur Konzeptzeichnungen und viele Fragezeichen, ob der Film jemals fertiggestellt wird.

Kons letztes Werk ist der zwei Jahre vor seinem Tod erschienene, einminütige Kurzfilm Ohayō:

Was bleibt nun, fünf Jahre nach Kons Tod? Der Gedanke, einen der großartigsten Künstler, der sich je im Animebereich hervortat, verloren zu haben, aber auch die Erinnerung daran, dass dieser zurecht so unglaublich geschätzte Regisseur durch seine Filme und seine Serie weiterlebt und unvergessen bleiben wird.

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