Wieso ist Fullmetal Alchemist: Brotherhood ein Meisterwerk? (Teil 1)

Bei „Fullmetal Alchemist: Brotherhood“ handelt es sich um einen der bekanntesten und beliebtesten Anime-Serien aller Zeiten. Jedem, der sich schon einmal mit dem Medium Anime beschäftigt hat, dürfte der Name dieses Fighting-Shōnen ein Begriff sein. Und selbst bei Leuten, die in der Regel wenig bis gar nichts mit Shōnen anzufangen wissen, genießt „Fullmetal Alchemist: Brotherhood“ einen überraschend guten Ruf.

In meiner folgenden Analyse werde ich auf die Besonderheiten dieses Anime eingehen und ausschweifend erörtern, ob und inwieweit sein Ruf tatsächlich gerechtfertigt ist. Etwaige Spoiler habe ich separat durch Spoilerwarnungen markiert, sodass auch Leute diesen Artikel lesen können, die den Anime noch nicht gesehen haben.

Fullmetal Alchemist: Brotherhood ist bereits die zweite Serienadaption des Mangas Fullmetal Alchemist von Hiromu Arakawa. Die Serie wurde von Studio Bones produziert, erblickte im Jahr 2009 zum ersten Mal das Licht der Welt und handelt von den beiden jungen Alchemisten Edward und Alphonse Elric; zwei Brüder, die sich auf der Suche nach dem sagenumwobenen Stein der Weisen befinden, um einen Fehler ihrer Vergangenheit wiedergutzumachen. Im Gegensatz zu der ersten Umsetzung des Mangas, die schlicht den Titel Fullmetal Alchemist trägt, hält sich Fullmetal Alchemist: Brotherhood erheblich genauer an die gezeichnete Vorlage und gilt im Vergleich unter Fans gemeinhin als die bessere Serie.

Ich, für meinen Teil, habe beide Werke gesehen und kann der einheitlichen Meinung nur zustimmen: Fullmetal Alchemist ist zwar bereits ein außerordentlich gelungener Anime, kann jedoch in nahezu keiner Kategorie auch nur ansatzweise an Fullmetal Alchemist: Brotherhood heranreichen. Allein die visuelle Gestaltung sticht bei der neueren Serie – aufgrund des detaillierten Zeichenstils und der durchweg schnörkellosen Animationen – deutlich mehr hervor; insbesondere wenn man die Tatsache im Hinterkopf behält, dass lediglich sechs Jahre zwischen der Produktion der beiden Serien liegen.
Und gar nicht erst zu sprechen von dem enormen inhaltlichen Qualitätsunterschied.

Doch nun genug der Vergleiche und zurück zum eigentlichen Thema dieser Analyse: Fullmetal Alchemist: Brotherhood hat unter Animefans bekanntlich einen geradezu legendären Status inne und gilt als eine der besten Anime-Serien unserer Zeit.
Bei der Betrachtung dieser immensen Popularität ist es selbstverständlich naheliegend, sich zuallererst die Frage zu stellen, inwiefern ein derart gewaltiger Hype tatsächlich gerechtfertigt sein kann. Ich persönlich hege bei großen Hypes normalerweise immer eine ordentliche Skepsis, doch in diesem Fall lässt sich von meiner Seite aus eine Sache mit Bestimmtheit sagen: Fullmetal Alchemist: Brotherhood ist nicht weniger als das, was man gemeinhin unter einem Meisterwerk versteht. Doch wie kommt es dazu? Was zeichnet diesen Anime als etwas Einzigartiges aus, abgesehen von den oben bereits angeführten Punkten? Eben dieser Leitfragen werde ich in meiner nachfolgenden Analyse so gründlich wie möglich nachgehen.

Und somit will ich die ausschweifenden Vorreden zu einem Ende bringen und heiße jeden, der tatsächlich bis zu diesem Punkt durchgehalten hat, herzlich willkommen bei meiner Analyse zu Fullmetal Alchemist: Brotherhood.

Was verbirgt sich hinter diesem Anime?

Fullmetal Alchemist: Brotherhood
Fullmetal Alchemist: Brotherhood © KSM

Fullmetal Alchemist: Brotherhood wird, wie im obigen Text bereits ausgeführt, zur Kategorie der Fighting-Shōnen gerechnet. Dabei handelt es sich um eine der populärsten Anime- und Manga-Gattungen, die sich besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen einer großen Beliebtheit erfreut und in der Regel auf die männliche Zielgruppe zugeschnitten ist. Wie der Titel vermuten lässt, stehen in diesen Anime die Fights, also die Kämpfe und die Action, im Mittelpunkt des Geschehens. Erstmals breitflächig etabliert wurde der Fighting-Shōnen durch Akira Toriyamas Dragon Ball, der gleichzeitig einen der bekanntesten, wenn nicht sogar den bekanntesten Vertreter seines Genres darstellt.

Leider erlangte dieses Genre mit der Zeit keinen besonders guten Ruf und wird vom älteren, anspruchsvolleren Publikum zumeist als sinnbefreit, pubertär oder einfach nur hirnlos bezeichnet. Hinter diesen Vorwürfen verbirgt sich dummerweise viel Wahrheit. Die meisten Fighting-Shōnen sind tatsächlich völlig anspruchslos und stellen nur die möglichst pompöse Action in den Vordergrund, anstatt Wert auf Story oder Charaktere zu legen. Auch einen tieferen Sinn findet man in solchen Serien nur selten bis gar nicht vor. Aber zum Glück existieren einige wenige Ausnahmen von der Regel. Es gibt eine Handvoll Fighting-Shōnen, die eindrucksvoll aus der Masse hervorstechen und sich jedem Klischee vehement verweigern.

Fragt man jemanden, der sich gut mit Anime auskennt, welcher Fighting-Shōnen, abseits der großen Mainstream-Serien, denn der Beste sei, dann bekommt man in der Regel zwei mögliche Antworten: Entweder Hunter x Hunter oder eben Fullmetal Alchemist: Brotherhood. Für mich persönlich ist Erstgenannter um einige feine Nuancen besser und ich halte ihn sogar für den Allerbesten seiner Gattung, doch dies schmälert die Meisterhaftigkeit von Fullmetal Alchemist: Brotherhood nicht im geringsten.

Aber warum ist dieser Anime denn überhaupt so besonders? Was verbirgt sich hinter dem überschwänglichen Lob, das die Serie von allen erdenklichen Seiten einheimst? Die Animationen, die Choreographien, den Zeichenstil und die Musik werde ich von jetzt an nicht mehr erwähnen. Über etwas Perfektes braucht man schließlich nicht zu diskutieren. Viel lieber will ich in meiner Analyse auf Aspekte des Anime eingehen, die ihn aus dem Einheitsbrei hervorheben und ihn sogar zu einer der besten Shōnen-Serien aller Zeiten avancieren lassen. Und zu einem Meisterwerk.

Die Kämpfe werden verloren

Full Metal Alchemist: Brotherhood
Sieht nicht nach einem Sieg aus. © KSM

Wie ich oben bereits erwähnt habe, nehmen in einem Fighting-Shōnen normalerweise die Kämpfe eine gewichtige Rolle ein. Unterzieht man allerdings die Kämpfe in Fullmetal Alchemist: Brotherhood einer genaueren Betrachtung, so fällt etwas auf: Die Protagonisten verlieren sehr häufig. Sie mögen zwar relativ stark sein, aber im Verlauf des Anime treffen sie immer wieder auf stärkere Gegner und werden von diesen infolgedessen logischerweise besiegt.
An einer Stelle im Anime sprechen Edward und Alphonse sogar selbst die Tatsache an, dass sie in der letzten Zeit überdurchschnittlich viele Kämpfe verlieren und deswegen mehr Training benötigen.

Zugegeben, das Argument „In diesem Anime werden die Kämpfe häufig verloren.“ klingt im ersten Moment nicht sonderlich schlagkräftig. Man sollte sich allerdings darüber bewusst sein, dass es für einen Fighting-Shōnen durchaus untypisch ist, dass die Helden in den Kämpfen tatsächlich unterliegen. In aller Regel gewinnen die Hauptfiguren in einem Fighting-Shōnen nämlich immer. Zumindest fast immer. Es mag gelegentlich die eine oder andere Ausnahme geben, aber ansonsten lässt sich der Ausgang eines Kampfes in einem generischen Shōnen zu 90 Prozent vorhersagen – der Held wird am Ende den Sieg erringen.

Doch Fullmetal Alchemist: Brotherhood ist nicht generisch. Ganz im Gegenteil, dem Anime gelingt sogar das, was der Großteil an einheitlicher Shōnen-Stangenware nicht auf die Reihe bekommt: Er beweist ganz präzise, dass selbst die Protagonisten, die Helden der Serie, manchmal schlicht und ergreifend zu schwach sind, um aus einem Kampf mit einem übermächtigen Gegner als Sieger hervorzugehen. So ernüchternd oder gar desillusionierend diese Tatsache auch sein mag, man kann nicht immer gewinnen. Gerade wenn man sich mit einem stärkeren Gegner misst, ist eine Niederlage nur die unvermeidbare, logische Konsequenz. Doch manchmal – und das konkretisiert Fullmetal Alchemist: Brotherhood in vielen Momenten – ist gerade eine Niederlage vonnöten, um sich weiterzuentwickeln, um stärker zu werden und um Erfahrung für die Zukunft zu sammeln. Nicht anders verhält es sich auch im realen Leben: Ein Sieg oder ein erreichtes Ziel mögen unser eigenes Selbstvertrauen stützen, doch einzig und allein durch einen Rückschlag kann man an Stärke gewinnen.

Um sich diese Authentizität zu bewahren, positioniert der Anime seine Hauptfiguren immer wieder in Szenarien, in denen sie es mit mächtigen Feinden zu tun bekommen, denen sie dann im Endeffekt meistens schonungslos unterlegen sind.

Full Metal Alchemist: Brotherhood
Edward verliert seinen Arm. © KSM

Selbstverständlich kommt es auch in anderen Shōnen oft zu Situationen, in denen die Helden gegen Feinde kämpfen müssen, die stärker als sie selbst sind. Doch schlussendlich ist es für die Hauptpersonen meistens trotzdem ein Kinderspiel, auf wundersame Weise den Sieg davonzutragen. Sei es durch ein willkürlich aus dem Nichts auftauchendes Power-Up, mittels der berühmten „Kraft der Freundschaft“ oder durch einen anderen Deus ex machina.
Fullmetal Alchemist: Brotherhood vermeidet jedoch glücklicherweise Klischees dieser Art.

Freilich geht längst nicht jeder Kampf des Anime schlecht für die Protagonisten aus, schließlich wäre das in gewisser Weise nicht minder vorhersehbar. Immer mal wieder wird ein kleiner oder größerer Sieg errungen, besonders in den letzten Episoden der Serie. Doch selbst in solchen Momenten geht dem Anime nichts von seinem Realismus verloren, da sich die wenigen Siege meistens ganz und gar nicht befriedigend anfühlen. Eben nicht so, wie sich ein Sieg eigentlich anfühlen sollte.
Dies kann beispielsweise daran liegen, dass einem Gegnern überraschend die Flucht gelingt oder dass der Kampf nur unter erheblichen Anstrengungen, mit viel Schweiß und Mühe oder durch die Hilfe von Verbündeten gewonnen werden konnte, denn sehr häufig steht ein Sieg mit gewissen Konsequenzen in Verbindung. Nicht selten kommt es zum Beispiel vor, dass jemand während eines Kampfes schwer verwundet wird, stirbt oder sich gar selbst aufopfern muss, um seinen Kameraden den Sieg zu ermöglichen.

Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir spontan nur sehr wenige Kämpfe in Fullmetal Alchemist: Brotherhood ein, die gänzlich ohne irgendein Opfer ausfallen. Interessanterweise ist dies gleichzeitig eines der Grundprinzipien der Alchemie; der Äquivalente Tausch. Man kann nichts gewinnen, ohne dafür etwas zu opfern.
Und dieser Grundsatz wird im Verlauf dieser Analyse noch eine wichtige Rolle spielen.

Dekonstruktion und Rekonstruktion der Erwartungen

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Was hattet ihr denn erwartet? © KSM

Die Anwendung der Alchemie wird in drei grundlegende Schritte unterteilt. Das Verstehen, das Zerlegen und die Rekonstruktion von Materie. Im Klartext bedeutet das: Materie wird erforscht, auseinandergenommen und wieder zu etwas Neuem zusammengefügt.
Und genau diese drei Schritte durchläuft im übertragenen Sinne auch der Zuschauer, während er sich Fullmetal Alchemist: Brotherhood ansieht.

Kaum einer anderen Serie gelingt es so gut, ihr Publikum hinters Licht zu führen, wie es bei diesem Anime der Fall ist. Nachdem man die ersten acht bis neun Folgen gesehen hat, denkt man sich als erfahrener Zuschauer voller Zuversicht, man habe nun eine ungefähre Ahnung davon, in welche Richtung sich der Anime künftig entwickeln wird. Man kennt das Setting, das Kampfsystem, die Protagonisten und die Antagonisten. Die Verhältnisse zwischen Gut und Böse scheinen völlig klar zu sein. Ab diesem Punkt hat man den Prozess des Verstehens durchlaufen. So scheint es zumindest bis Folge 14. Und dann verändert sich alles auf drastische Art und Weise.

Plötzlich erweitert sich die Story in vorher ungeahnte Dimensionen und nimmt epische Ausmaße an, die man sich noch eine Folge zuvor nicht im Traum hätte vorstellen können. Alles macht auf einmal einen gänzlich neuen Sinn, die Verhältnisse zwischen Freund und Feind werden auf den Kopf gestellt und das Potenzial der Handlung erweitert sich innerhalb weniger Minuten ins Unermessliche. Es erscheint fast so, als hätte man vorher nur die Spitze des Eisbergs wahrgenommen und würde sich erst jetzt der gewaltigen Masse bewusst, die unterhalb des Meeresspiegels im Verborgenen gelegen hat.

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Überrascht? © KSM

Ab diesem Zeitpunkt hat bereits die Phase der Dekonstruktion eingesetzt. Die Erwartungen des Zuschauers werden gnadenlos und fein säuberlich auseinandergepflückt und in der letzten Phase, der Rekonstruktion, wieder zusammengefügt, sodass daraus ein vollkommen neues Gesamtbild entsteht. Erst nach diesem Schritt kann man zu Recht behaupten, die ganze Tragweite von Fullmetal Alchemist: Brotherhood überblicken zu können.
Und selbst nach diesem unheimlich überraschenden Wendepunkt hält der Anime noch Massen an unerwarteten Twists, Brainfucks und unvorhersehbaren Todesszenen parat, welche in regelmäßigen Abständen für gründliche und ausgiebige Vergewaltigungen des Gehirns sorgen.

Ich dürfte selten eine Serie gesehen haben, die meine Erwartungshaltung derartig penibel zerstört – und wieder zusammengefügt – hat, wie es bei Fullmetal Alchemist: Brotherhood passiert ist. Interessant ist außerdem, dass es noch eine weitere Parallele zwischen der Handlung des Anime und dem eben genannten Grundprinzip des Verstehens, Zerlegens und Rekonstruierens von Materie gibt. Aber dazu mehr in den nächsten Teilen dieser Analyse.

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