Wieso ist Fullmetal Alchemist: Brotherhood ein Meisterwerk? (Teil 2)

Wieso ist der Anime „Fullmetal Alchemist: Brotherhood“ ein Meisterwerk? Dieser Frage versuche ich in meiner mehrteiligen Analyse detailliert auf den Grund zu gehen und dabei auf Facetten der Serie einzugehen, die sich jenseits der gängigen Qualitätskriterien bewegen.

Im vorhergien Teil dieser Analyse habe ich mich mit der Tatsache beschäftigt, dass die Kämpfe in Fullmetal Alchemist: Brotherhood sehr häufig von den Protagonisten verloren werden, was für einen Fighting-Shōnen für gewöhnlich eher untypisch ist. Außerdem habe ich den Handlungsverlauf der Serie als eine Parabel zu den Grundsätzen der Alchemie – das Verstehen, Zerlegen und Rekonstruieren von Materie – gedeutet, die den Zuschauer zuerst in dem Glauben lässt, er habe bereits verstanden, in welche Richtung sich der Anime bewegen wird, nur um ihm daraufhin einen Schlag in die Magengrube nach dem anderen zu verpassen.

Doch selbstverständlich greift dies längst nicht alle Facetten dieses Anime auf. Es gibt de facto noch viele weitere Details und Finessen, die diese Serie als ein Meisterwerk auszeichnen. Und somit geht es ohne weitere Vorreden weiter mit meiner Analyse zu Fullmetal Alchemist: Brotherhood.

Intensive Kriegsdarstellungen

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Das Ishval-Massaker © KSM

Ein weiterer herausragender Aspekt von Fullmetal Alchemist: Brotherhood sind die expliziten Gewalt- und Kriegsdarstellungen, zumeist in Zusammenhang mit dem Ishvalischen Bürgerkrieg. Hierbei hält sich der Anime nicht zurück und lässt die intensiven und eindringlichen Bilder so lange und brachial auf den Zuschauer einwirken, bis auch der Letzte die Sinnlosigkeit des grauenvollen Ishval-Massakers registriert hat. Der Anime bleibt aber keineswegs auf diesen Erkenntnissen sitzen, wie es jeder zweite Kriegsfilm tun würde, sondern beleuchtet die Sicht beider Fronten, sowohl der Ishvaler als auch der Amestrier, wodurch man sehr schnell ein umfassendes Bild der malträtierten Psyche von den Kämpfern beider Seiten erhält.

Bewundernswert ist jedoch nicht nur die differenzierte Darstellung des Kriegsgeschehens, sondern auch die Art, in der die Kriegsszenen präsentiert werden: Neutral, schlicht, ohne Effekthascherei und meistens in stiller Melancholie angesichts der Grausamkeit des Genozids.

Zu beachten gilt außerdem, dass die farbliche Gestaltung vieler Szenen auf die Farbe Weiß reduziert ist, was nicht bloß einen satten Kontrast zum schmutzigen Rot des im Krieg vergossenen Blutes erschließt, sondern auch indirekt die Reinheit und Unschuld der Ishvaler symbolisieren soll, welche durch die Armee von Amestris wie Tiere abgeschlachtet wurden. Auch die weiße Haarfarbe der ishvalischen Bevölkerung bekräftigt diese These. Außerdem gilt es zu bedenken, dass der Krieg von Ishval durch nichts Geringeres ausgelöst wurde, als das Unschuldigste, was ich mir vorzustellen imstande bin: Durch ein kleines Kind.

Wenn man denn will, so lässt sich im Ishval-Massaker sogar eine historische Bedeutung finden. Die Ishvaler, welche aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft und ihres Aussehens diskriminiert und schließlich planmäßig getötet wurden, sind ganz eindeutig eine Parallele zu den beinahe sechsmillionen europäischen Juden, die während des Holocaust zur Zeit des Dritten Reiches vernichtet wurden und auch das totalitäre Regierungssystem von Amestris gleicht der Diktatur Hitlers in vielen Punkten, nicht zuletzt in der Verwendung des Führerprinzips. Ebensowenig sind die äußerlichen Ähnlichkeiten zwischen dem Großen Anführer King Bradley und Adolf Hitler von der Hand zu weisen. Noch dazu kommt, dass die blauen Augen der Amestrier während einiger Rückblenden optisch hervorgehoben werden, eine Anspielung auf das arische Idealbild – in Verbindung mit der Ideologie einer angeblichen Herrenrasse – das zur Zeit des Nationalsozialismus stark propagiert wurde.

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Die Amestrier und ihre blauen Augen © KSM

Bislang habe ich keinen Anime gesehen, der die Themen Krieg und Gewalt so einfühlsam, vielseitig, intelligent und differenziert behandelt und transportiert, wie es Fullmetal Alchemist: Brotherhood tut. Dabei schreckt der Anime nicht vor extremer Gewaltdarstellung zurück. Dies fühlt sich jedoch zu keinem Zeitpunkt deplatziert an, sondern löst vielmehr ein vages Gefühl der Beklemmung und Bedrücktheit aus, das im Nachhinein stark zur Reflektion und zum Nachdenken anregt.

Auf den Fokus kommt es an

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Auf den richtigen Fokus kommt es an © KSM

Bei einigen Anime, insbesondere bei Fighting-Shōnen, ist es leider Gang und Gebe, dass die Handlung kläglich vernachlässigt wird. Wozu sollte man denn eine vernünftige Geschichte erzählen, wenn bereits Kämpfe und ein großer Haufen Action das Geschehen dominieren?
Dabei geht nicht wenigen Anime der Fokus ihrer Geschichte verloren. Viele Handlungsstränge werden entweder schlecht erzählt oder kommen zu selten vor, während auf der anderen Seite langweiligen und uninteressanten Nebenhandlungen viel zu viel Fokus eingeräumt wird. Allerdings sollte ein Anime nicht der Falle erliegen und nur noch auf die spannenden Plots fokussieren, denn dann wirkt die Narrative umso fehlerhafter. Es bedarf parallel erzählter Nebenhandlungsstränge, selbst wenn diese nicht sonderlich packend sein mögen. Nur sollte sich ein Anime nicht zu sehr auf Nebenerzählungen festfahren, da die Story sonst recht schnell Gefahr läuft, in Belanglosigkeit und Redundanz abzurutschen. Es kommt also alles auf das richtig ausgeknobelte Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Einzelhandlungen an, die in ihrer Gesamtheit das übergeordnete Erzählgerüst bilden.

Fullmetal Alchemist: Brotherhood gelingt es jedoch beispiellos, die ideale Balance zwischen den unterschiedlichen Plots und Sub-Plots zu halten und den Fokus immer so festzulegen, dass die Serie einerseits nicht langweilig wird und ihr starkes Pacing beibehält und andererseits trotzdem die verschiedenen Figuren und ihre Erlebnisse in befriedigendem Maße beleuchtet werden, sodass sämtliche Storylines und ihre jeweiligen Hauptpersonen die perfekt auskalkulierte Menge an Leinwandpräsenz zugedacht bekommen.

Die einzelnen, parallel zueinander verlaufenden Geschichten werden sinnvoll aneinandergereiht, miteinander verknüpft und flüssig erzählt, wodurch die Handlung rund um jeden Charakter durchgehend interessant bleibt und selbst die irrelevantesten, langweiligsten Nebenfiguren nicht in Vergessenheit geraten und teilweise sogar sehr intelligent in die Geschichte integriert werden.

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Selbst diese Chimäre, eine anfangs uninteressante Nebenfigur, erfüllt in der Story noch einen Zweck © KSM

Dabei stehen zu Beginn der Serie lediglich die Abenteuer der beiden Protagonisten, Edward und Alphonse, im Rampenlicht und damit im Zentrum der Geschichte. Erst im weiteren Verlauf wird die Handlung von Folge zu Folge zunehmend komplexer und vielseitiger, die Haupthandlung teilt sich in unzählige Einzelstränge auf und die Geschehnisse verkomplizieren sich mehr und mehr. Ab diesem Zeitpunkt ist es regelrecht beeindruckend, wie gut es den Machern der Serie gelingt, eine ausgewogene Mischung aus den untergeordneten Plots zusammenzubasteln, die ein einheitliches und in sich schlüssiges Gesamtkonstrukt bildet.

Erwähnenswert sind aber nicht nur der perfekte Fokus auf die Handlung und die Figuren, sondern auch die abwechslungsreiche Grundstimmung. Fullmetal Alchemist: Brotherhood ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes ein Wechselbad der Emotionen. Wenngleich der Grundtenor des Anime die meiste Zeit über recht düster ausfällt, bleibt der Humor keineswegs auf der Strecke zurück. So gibt es Szenen, bei denen man sich vor Lachen kaum mehr halten kann und fröhliche Momente, die den Zuseher rundum glücklich stimmen, während einen die Serie wiederum an anderer Stelle mit ihrer kühlen Kompromisslosigkeit eiskalt überrumpelt und des Öfteren bekommt man das eindringliche Gefühl, sich weinend in eine Ecke verkriechen zu müssen, aus der man die wieder hervorkommen will.

Gewalt, Action, Splatter und Drama gehen Hand in Hand mit Elementen des Comedy-Genres, verrücktem Herumgeblödel und Philosophie. Es wird gescherzt, gelacht, geschrien, geweint, gekämpft, geblutet und das alles in präzise gesetzten Intervallen, die ohne Verschnaufpause ineinander übergehen.
Kurz gesagt, es ist intelligente, durchdachte und abwechslungsreiche Unterhaltung. Es ist Unterhaltung auf höchstem Niveau. Etwas, woran die meisten Fighting-Shōnen, seien sie nun neueren oder älteren Baujahres, kläglich scheitern.

Und damit bin ich am Ende des zweiten Teils meiner Analyse zu Fullmetal Alchemist: Brotherhood angelangt, einer der besten Shōnen-Serien aller Zeiten.

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Ein Gedanke zu „Wieso ist Fullmetal Alchemist: Brotherhood ein Meisterwerk? (Teil 2)“

  1. Ich glaube wir als Deutsche neigen allzu gerne dazu Parallelen zur NS-Diktatur zu ziehen, sobald uns eine Militärdiktatur und damit verbundene Übel unter die Augen kommen und sicherlich greift man auch darauf zurück, beispielsweise um eine gewisse Ästhetik zu erzeugen, zu kopieren etc. Allerdings hat Japan auch seine eigenen historischen Begebenheiten mit dem Faschismus, mit Völkermord und Krieg gemacht, die sich als eben solches kreatives Reservoir auch hier anzapfen lassen.

    Ich finde die Darstellung hier gelungen und teile die Hingerissenheit gegenüber der sehr geschmackvollen Darstellung des Krieges in diesem Anime, allerdings glaube ich nicht, dass ein allzu starker Bezug auf den NS und Hitler bei Interpretation an dieser Stelle weiterführt.

    Amestris selbst ist ein mulitkulturelles Land, dass logischerweise durch militärische Expansion entstanden ist und verschiedene Ethnien unter dem Banner absoluter staatlicher Macht und Sicherheit vereint. Das Volk ist als eine Form von Bürgern organisiert, also die Zugehörigkeit zum Staatswesen und die Loyalität gegenüber ihren Organen ist entscheidend, Herkunft oder Aussehen spielen primär keine Rolle. Insofern ist die rassische Codierung aus meiner Sicht auch unzureichend. Tatsächlich sind die Kern-Amestrier als um Central tendenziell eher wie Oberst Mustang mehrheitlich schwarzhaarig mit besonders heller Haut, während man blonde Leute eher in Richtung Resembool findet.
    Das rassische Element kommt höchstens in Beziehun mit den Ishvalern zum Tragen, die man anhand spezifischer körperlicher Merkmale identifizieren kann, insbesondere der dunkleren Haut, weißen Haaren und roten Augen. Der hervorgehobene Farbkontrast mit den blauen Augen in den Rückblenden besonders aus der Sicht Scars betont weniger das arische Idealbild sondern den Gegensatz zwischen Ishvalern und den restlichen Amestriern und verdeutlich eher noch die Gegenseitigkeit des Hasses und die erfolgende Dämonisierung der jeweils Anderen im Zuge des Krieges. Für Scar werden die Amestrier, erkennbar uA an den anderen Augen zu eben solchen Dämonen, wie die Ishvaler es für die Menschen von Amestris werden, die mittelbar oder unmittelbar durch sie Schaden erleiden entweder weil sie in Gebieten wohnen, die vom Krieg und dem Widerstand der Ishvaler in Mitleidenschaft gezogen werden oder weil sie Angehörige im Krieg verloren haben wie Winry. Während Scar stellvertretend für den Rest Ishvals seinen Hass auf Amestris projiziert, was durch die blauen Augen hervorgehoben wird; werden die Ishvaler aufgrund ihres Aussehens wiederum stellvertretend für das Leid währen des Bürgerkriegs in Amestris zu Ausgestoßenen.

    Darüber hinaus werden beide Seite in gewisser Weise als zunächst gleichrangig aufgeführt, was auch eine deutliche Distanzierung zu den Juden ist. Die Ishvaler sind keine diskriminierte Minderheit innerhalb von Amestris sondern sie werden dem Staat zunächst gewaltsam angeschlossen und die unüberbrückbaren interkulturellen Differenzen (die metaphorisch noch einen anderen Gegensatz verkörpern) entladen sich dann in einem Bürgerkrieg, in den beide Seiten als reguläre Kombatanten eintreten, ebenfalls ein deutlicher Unterschied zur Judenverfolgung. Die Macht der Alchemisten jedoch sichert im Endeffekt der Militärregierung die Übermacht- Die schwache Position der Ishvaler, die wir dann als quasi Pariah während der Serie erleben, spiegelt eher die Position des Besiegten weniger die Position des ursächlich Verfolgten wider.

    Man unterschätzt gerne den inhärent politischen Teil des gesamten Plots, der im Gegensatz zum philosophisch/ religiösen Grundkonzept das die Brüder verkörpern, stattdessen von Oberst Mustang und anderen Militärs getragen wird und eine ebenso gewichtige Rolle gerade am Ende im Kampf um Central spielt. Amestris selbst ist ein enttribalisierter multiethnischer Staat, der seine Aktionen einerseits auf dem Prinzip der Macht und Autorität eines modernen Staates gründet, andererseits seine Politik ausgerichtet an rationalen Gesichtspunkten betreibt. In gewisser Weise spiegelt Amestris, sieht man von der Militärregierung und dem militärischen Expansionismus eigentlich das Ideal unseres westlichen Staatsmodells wider. Dazu passt das der Staats selbst durch und durch fortschrittlich, wissenschaftlich orientiert und durchrationalisiert ist.

    In dieser Gleichung sind die Ishvaler und hier zeigt sich der Grundkonflikt, Vertreter einer an der Natur, am Mythos und an der Religion ausgerichteten Stammesgesellschaft, die die Amestrier ihrerseits als Frevler und Feinde ihrer Lebensweise als auch gegenüber ihren Art zu leben begreift, entsprechend die Konfliktlinie, sieht man von den reinen Kräfteverhältnissen ab, eine interessante Bedeutungsverschiebung auf der Meta-Ebene für westliche Zuschauer bereithält. Das was in der heutigen Zeit als zivilisatorisches Projekt des Westens (Rationalisierung, Wissenschaft, Fortschritt, Emanzipation von Tribalismus und Mythos) generell positiv bewertet wird. hier in der Gestalt eines oppressiven Systems des selbsterklärten Guten daherkommt, denn keiner der amestrischen Protagonist zweifelt abseits von der Führungskritik grundsätzlich am positiven Status der zivilisierten Gesellschaft.
    Die Ishvaler wiederum sind in ihrer Position als Opfer von Oppression und Völkermord und in der Position des Kriegsverlierer eigentlich mit sympathiebehaftete Opfer, erscheinen aber als religiös verblendete, rückschrittige verbohrte Tribalisten, die statt sich in das amestrische Projekt einzufügen auf ihrer tribalistischen Selbstständigkeit und ihrem Aberglauben beharren.

    Wie gesagt ich denke die Ishvaler hier als Juden zu identifizieren und eine einfache Interpretationslinie zum Dritten reich zu ziehen, wird dem ganzen nicht gerecht und verstellt auch den Blick auf den auch starken politischen Einschlag, den der Anime aufweist.

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