Wieso ist Fullmetal Alchemist: Brotherhood ein Meisterwerk? (Teil 3)

Wieso ist der Anime „Fullmetal Alchemist: Brotherhood“ ein Meisterwerk? Dieser Frage versuche ich in meiner mehrteiligen Analyse detailliert auf den Grund zu gehen und dabei auf Facetten der Serie einzugehen, die sich jenseits der gängigen Qualitätskriterien bewegen.

In den letzten beiden Teilen dieser Analyse, bin ich ausführlich auf bestimmte Inhalte eingegangen, die Fullmetal Alchemist: Brotherhood in meinen Augen zu etwas Besonderem machen. Zu einem Diamanten unter den unzähligen belanglosen Shōnen-Anime dieser Welt, wenn man so will. Ich habe in meinen letzten Texten von den intensiven Kriegsdarstellung, dem perfekt ausgeglichenen Narrativ, der Dekonstruktion und Rekonstruktion unserer Erwartungshaltung und den Kämpfen gesprochen, welche die Protagonisten in der Regel verlieren.

Im nachfolgenden Artikel werde ich hingegen versuchen, etwas mehr in die psychologische Tiefe zu gehen und damit die wahre Genialität des Meisterwerkes Fullmetal Alchemist: Brotherhood zu erfassen.

Die leidvolle Reise der Gebrüder Elric

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Edward und Alphonse Elric © KSM

Immer wieder hört oder liest man, dass Fullmetal Alchemist: Brotherhood erst ab Episode 14 oder 15 das volle Potenzial entfaltet und davor mehr schlecht als recht dahindümpelt, ohne dass sich nennenswerte Ereignisse zutragen. Doch dies entspricht nicht ganz der Wahrheit. Denn obwohl das erste Dutzend Folgen von Fullmetal Alchemist: Brotherhood noch nichts von der überwältigenden Wucht dessen erahnen lässt, das sich in späteren Abschnitten des Anime ereignen wird, vollzieht sich in diesem Teil der Serie eine hochinteressante Charakterentwicklung auf psychologischer Basis, die Edward und Alphonse zu Beginn ihrer langen und leidvollen Reise durchgehen.

Denn obwohl Ed und Al im Laufe ihrer Reise der physischen und mentalen Adoleszenz immer näher rücken, sind sie zu Anfang lediglich Kinder. Sie sind Kinder, die in einen Krieg verwickelt werden, den sie nicht verstehen. Besonders Edward, der nach außen hin bei jeder Gelegenheit den starken Mann markiert, ist in Wirklichkeit ein überaus zerbrechlicher Charakter, sowohl körperlich, als auch im Geiste. Man könnte zwar meinen, dass ein Mensch, der in seiner frühen Kindheit all die Dinge durchmachen musste, die Ed widerfuhren, für den Rest seines Lebens abgehärtet wäre, aber dem ist nicht so. Obwohl Edward bereits in die sprichwörtliche Hölle blicken musste, gibt es immer noch einige Dinge, die den jungen Alchemisten emotional aus dem Konzept bringen und im schlimmsten Fall sogar aus der Bahn werfen können. So verhält es sich etwa in der vierten Episode des Anime, die den treffenden Titel „Die Leiden des Alchemisten“ trägt.

In dieser Folge wird Edward zum ersten Mal mit dem Bösen konfrontiert, das tief in der menschlichen Natur verwurzelt liegt. Zum ersten Mal muss er mit ansehen, wie Habgier und Größenwahn das Leben einer unschuldigen Person zerstören. Dies erschüttert sein Weltbild von Grund auf und macht seiner Psyche nachhaltig schwer zu schaffen. Interessanterweise nimmt das gleiche Ereignis seinen jüngeren Bruder Alphonse weit weniger mit, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass er generell der Gefasstere der Beiden ist. Edward hingegen, das wissen wir bereits von der ersten Episode an, reagiert auf verschiedene Situationen wesentlich emotionaler – sei es mit Wut, Hass, Mitleid, Selbstvorwürfen oder Trauer.

Daher verwundert es nicht sonderlich, dass Ed nach den Geschehnissen aus der vierten Folge niedergeschlagen und mit der Welt am Ende ist. Diese Empfindung reicht sogar so tief, dass er nach einer späteren Konfrontation mit Scar, in deren Verlauf die Armprothese von Ed und die Rüstung von Al zerstört wird, seinen Lebenswillen verliert. Ab diesem Punkt ist es Edward gleichgültig, ob er leben oder sterben wird. Man könnte daher auch behaupten – um den Bogen erneut zu den Grundsätzen der Alchemie zu spannend – seine Psyche habe von dieser Stelle an den Zustand der Dekonstruktion erreicht, versinnbildlicht durch die zerstörte, in ihre Einzelteile zersprungene Prothese.

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Eds Automail wird zerstört, ähnlich wie seine Psyche © KSM

Nach diesem Tiefpunkt gibt Alphonse seinem Bruder jedoch einen Grund, weiterzuleben und nicht aufzugeben, indem er Ed erneut den Sinn ihrer Reise vor Augen führt: Ed hat einst versprochen, seinem Bruder Al den alten Körper zurückzugeben, koste es was es wolle. Und dieses Ziel ist von nun an Eds Rettungsanker, an dem er sich festhalten kann um nicht in den düsteren Abgrund seiner zerbrechlichen Psyche zu stürzen. Dieses Ziel ist es, das ihn den Rest seiner Reise über dazu motiviert, weiterzumachen und nicht mehr aufzugeben oder an sich selbst zu zweifeln.

Danach folgt für Edward sozusagen die Rekonstruktion, denn seine Seele wird langsam aber sicher wieder geheilt. Auf einer symbolischen Ebene erkennt man dies auch daran, dass seine Armprothese in Resembool wieder zusammengebaut – sprich rekonstruiert – wird.
In der elften Folge des Anime, die den Titel „Das Wunder von Rush Valley“ trägt, erkennen Ed und Al dann schließlich ein weiteres Mal den unermesslichen Wert des menschlichen Lebens, als sie der anstrengenden Geburt eines kleinen Babys beiwohnen.

Als Konklusion für dieser Charakterentwicklung gibt es in der darauffolgenden Episode „Eins ist alles, alles ist eins“ eine Rückblende, die Ed und Al als Kinder zeigt und den Moment visualisiert, in dem die Brüder ihre eigene Nichtigkeit im Vergleich zu dem schier unendlich großen Universum realisieren. Sie sehen ihre Position in der Welt ein und gelangen zu dem Ergebnis, dass jedes Lebewesen für sich genommen keine große Wichtigkeit besitzt, aber alle Lebensformen – inbegriffen ist sowohl die Flora, als auch die Fauna – in ihrer Gesamtheit ein komplexes Ökosystem entstehen lassen. Diese Erkenntnis ist immens wichtig, wenigstens solange man sie als Teil einer Selbstfindungsreise ansieht, denn man könnte sie getrost als eine Art Vorgeschichte zu der Charakterentwicklung von Ed und Al aus den vorausgegangenen Folgen betrachten.

Demzufolge haben die Beiden in ihrer Kindheit, zumindest in der Zeit nach dem Tod ihrer Mutter, eine lange Phase des Zweifels durchleben müssen, aber es gelang ihnen schließlich, den Wert ihres Lebens im Kontext zu einer übergeordneten Größe wie dem Universum oder der Welt auszumachen. Und später, als in Edward erneut die Selbstzweifel zu nagen beginnen und er kurzzeitig seinen Lebenswillen verliert, erinnert er sich an den Wert seiner Existenz. Dieses Mal sieht er sein Dasein jedoch nicht durch die bloße Funktion und Notwendigkeit in den Mechanismen der Welt bestätigt, sondern eher in seiner Beziehung zu Alphonse und dem Versprechen, seinem Bruder den alten Körper wiederzugeben. Für dieses Ziel entscheidet sich Edward zu leben und zu kämpfen, seine ganze Existenz richtet sich darauf aus. Dieses Ziel ist es, das ihn auf seiner schweren, leidvollen und von unzähligen Hürden gesäumten Reise antreibt, ihn motiviert und ihm immer wieder Kraft spendet.

Religiöse Motive

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Der wahre Gott? © KSM

Die Religion und die Frage nach der Existenz Gottes ist ein omnipräsentes Motiv in Fullmetal Alchemist: Brotherhood. Gleich in den ersten Episoden bekommt ein gottähnliches Wesen, die sogenannte Wahrheit, ihren ersten Auftritt spendiert. Kurz darauf wird dann der Sonnengott Leto eingeführt – eine Gottheit, die man in der Stadt Reole verehrt und die einen regelrechten Kult hinter sich versammelt hat. Und noch ein anderer Gott, besser gesagt eine Göttin, spielt in der Handlung des Anime eine zentrale Rolle: Ishvala, die Erdgöttin, welche von den Ishvaliern angebetet wird und den Stützpfeiler ihrer Religion begründet.

Doch wie die unterschiedlichen Religionen ihre Götter auch bezeichnen mögen, es handelt sich immer nur um einen einzigen Gott. Somit sind die Religionen, die in Fullmetal Alchemist: Brotherhood behandelt werden, allesamt monotheistischen Ursprungs, repräsentieren also den Eingottglauben. Deshalb könnten diese drei Religionen auch durchaus eine Metapher für die drei großen, monotheistischen Weltreligionen – das Judentum, das Christentum und den Islam – darstellen.
Sieht man die Ishvalier als eine Anime-Version des Judentums an, so würde dies meine Hypothese von dem vorherigen Artikel, welche besagt, das Ishval-Massaker dürfte sehr wahrscheinlich eine Metapher für den Holocaust sein, zusätzlich festigen.

Bei all der Präsenz von Religion im Verlauf der Serie könnte man nun davon ausgehen, Fullmetal Alchemist: Brotherhood sei ein sehr religiöser Anime. Dies wäre jedoch eine glatte Fehlinterpretation, denn genau das Gegenteil ist der Fall: Fullmetal Alchemist: Brotherhood geht tatsächlich in höchstem Maße religionskritisch vor. Dafür spricht zum einen die Art und Weise, wie die Thematik angepackt und besprochen wird. Denn nicht selten stellt der Anime gläubige Menschen als geblendete Fanatiker dar, die sich einreden oder einreden lassen, an einen Gott zu glauben, doch tatsächlich nur von weltlichen Instanzen und von manipulativen Menschen hinters Licht geführt werden.

So ist es zum Beispiel in Reole der Fall. Hier werden die Menschen von einem selbsternannten Pater ausgenutzt im Glauben, ihrem Gott Leto zu dienen. Dieser Irrglauben resultiert schließlich in gewalttätigen Konflikten zwischen den Kultanhängern und dessen Gegnern.
Auch an anderen Stellen des Anime wird Religion und Glauben als Auslöser für Gewalt und Krieg angeführt. So beispielsweise auch bei dem Bürgerkrieg von Ishval, der im Grunde genommen auch nur aus den religiösen sowie kulturellen Differenzen zwischen den Amestriern und den Ishvalern erwuchs. Das Ishval-Massaker ist in seinem Kern also nichts anderes, als ein Glaubenskrieg. Ein Krieg, der in den abstrusen Vorstellungen begründet liegt, eine Religion oder eine Gottheit sei besser als die Andere, ohne dass einer der Beteiligten realisiert, dass sich kein guter Gott der Welt einen derart furchtbaren Krieg wünschen würde.

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Ishvala wird angebetet © KSM

Eine weitere Bluttat, die aus dem Glauben erwächst, ist die Mordserie von Scar an Staatsalchemisten. Diese rechtfertigt er mit der Begründung, es geschehe im Namen seines Gottes, also Ishvala. Die traurige Wahrheit ist aber, dass ihn nichts anderes antreibt, als seine persönlichen Rachegelüste an den Leuten, die seine Heimat und seine Familie in Ishval auf dem Gewissen haben.

Folglich wird in Fullmetal Alchemist: Brotherhood nicht der Glauben per se kritisiert, sondern vielmehr das, was die Menschen daraus konstruieren und wie sie sich ihre Religion zurecht biegen, um ihre eigenen, selbstsüchtigen Interessen zu verfolgen. Das Prinzip der Religion und des Gottesglaubens wird daher scharf hinterfragt, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass Edward im Finale des Anime behauptet, die Wahrheit – also Gott – nicht als richtig, beziehungsweise nicht als wahr anzuerkennen. Ihren wilden und willkürlichen Bestrafungen machen die Wahrheit in Edwards Augen irrational und gewiss nicht zu etwas, an das es sich zu glauben lohnen würde.

In einer Aussage bezüglich Gott sendet Fullmetal Alchemist: Brotherhood jedoch eine glasklare Botschaft: Niemand, absolut niemand, sollte sich anmaßen und versuchen Gott zu spielen. Dies wird allein an der Geschichte von Edward Elric deutlich, welcher in seiner Kindheit unter Anwendung von Alchemie versuchte, eine tote Person wieder zum Leben zu erwecken. Damit erhebt er sich selbst indirekt in eine gottgleiche Position. Er nimmt in diesem Kontext den Stellenwert einer Ikarus-Figur ein, die sich zu nah an die Sonne heranwagt, woraufhin seine Flügel verbrennen und er – im übertragenen Sinne – abstürzt.

Auch andere Charaktere, die in Fullmetal Alchemist: Brotherhood versuchen, Gott zu imitieren, werden vom Schicksal bitter bestraft. So etwa der falsche Pater Cornello, der für seine Taten nur den Tod als Belohnung erhält. Oder Vater, der Hauptantagonist des Anime, der sich auf die gleiche Stufe mit Gott zu stellen versucht und sogar vor hat, diesen zu übertreffen, aber am Ende ebenfalls für seinen Plan zur Rechenschaft gezogen wird.

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Vater © KSM

Ist Religion also etwas Schlechtes, wenn es nach Fullmetal Alchemist: Brotherhood  geht? Ja. Und nein. Denn einerseits wird Religion oft von Menschen dafür missbraucht, andere Leute zu manipulieren und nach ihrem Willen zu steuern, nicht anders als es auch in der realen Welt Tag für Tag passiert. Doch auf der anderen Seite ist der Glauben an sich eine gute Sache, die dazu dienen kann, Menschen im Leben zu festigen und ihnen Halt zu bieten. Solange er nicht für die falschen Zwecke, wie beispielsweise für einen sogenannten Glaubenskrieg eingesetzt wird, ist er vielen Leuten eine Hilfe und Existenzstütze. Aber in erster Linie sollte der Glauben etwas sein, für oder gegen das sich jedes Individuum nach freiem Willen entscheiden können muss.

Denn wie Edward es am Ende von Fullmetal Alchemist: Brotherhood tut, darf und soll man die Religion oder die Anbetung eines Gottes ab einem gewissen Zeitpunkt zwangsweise hinterfragen. Daran führt kein Weg vorbei, anderenfalls wird man geblendet. Allerdings sollte man in solch einer Situation nicht den Fehler begehen und sich aus Hochmut selbst einen Gottesstatus verleihen. Denn dies endet fast immer – so war es bereits im antiken griechischen Theater – in einer Katastrophe. Im schlimmsten Fall damit, dass einem die Flügel verbrennen und man unaufhaltsam in die dunklen Tiefen der Welt hinabstürzt.

Und mit diesen Schlussworten bin ich am Ende des dritten und vorletzten Teils meiner Analyse zu Fullmetal Alchemist: Brotherhood angelangt. Vielen Dank für’s Lesen.

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